09.02.2008 - Illegale Listenhundvermittlung: Staatsanwaltschaft ermittelt
09.02.2008, Abendblatt
Tierschutzverein Illegale Vermittlung nach Brandenburg - Staatsanwaltschaft ermittelt
Kampfhunde an Wachdienst - Behörde zahlt
Offiziell wurden 44 Tiere an einen Verein in Brandenburg gegeben, tatsächlich gingen sie an eine Sicherheitsfirma - auf Kosten des Steuerzahlers.
Von Ulrich Gaßdorf
Der Hamburger Tierschutzverein (HTV) hat offenbar nicht nur illegal 44 Kampfhunde nach Brandenburg vermittelt - die Tiere wurden nach Abendblatt-Informationen an einen Wachhundeservice weitergegeben.
Offiziell hatte der HTV der Hamburger Gesundheitsbehörde mitgeteilt, die Hunde seien an den "TSV Barnim" gegangen - dieser Verein existiert aber gar nicht.
Es gibt nur einen Tierschutzverein Niederbarnim im brandenburgischen Ladeburg unweit von Berlin.
Dort ist aber im vergangenen Jahr kein Hund aus Hamburg aufgenommen worden. Das bestätigte Tierheimleiter Frank Henning.
Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Hamburg am Freitag ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet.
Das bestätigte Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger auf Anfrage dem Abendblatt.
Fest steht: "Diese gefährlichen Hamburger Hunde hätten nicht nach Brandenburg verbracht werden dürfen, das ist durch die Hundehalterverordnung verboten. Wir haben den zuständigen Landkreis Barnim aufgefordert, uns schnellstmöglich einen ausführlichen Bericht über die Vorgänge anzufertigen", sagt Wolfgang Brandt, Vize-Sprecher des Brandenburger Innenministeriums.
Der HTV hat die 44 Hunde im vergangenen Jahr unter der Ägide des inzwischen zurückgetretenen Vorsitzenden Wolfgang Poggendorf nicht nur illegal nach Brandenburg verbracht, sondern bekommt dafür auch noch Steuergelder:
Für jeden Hund gibt es von der Stadt laut HTV-Notvorstand Hauke Maschewski 550 Euro - das macht bei 44 Hunden insgesamt 24 200 Euro.
Wo aber sind die Hunde jetzt?
Sind sie sogar - wie CDU-Tierschutzexperte Michael Fuchs befürchtet - eingeschläfert worden? Das Abendblatt begab sich auf Spurensuche.
Donnerstag, 13.30 Uhr: Die Dorfstraße in Ahrensfelde. In in einem schmucklosen grauen Gebäude residiert Bürgermeister Wilfried Gehrke (46).
Der 46-Jährige, dessen Gemeinde Ahrensfelde 13 000 Einwohner hat und direkt an der Stadtgrenze zu Berlin liegt, sitzt in seinem Büro und bittet an den dunklen Holztisch.
Der CDU-Politker gibt sich überrascht: "Wir haben erst heute erfahren, dass an den Deutschen Wach- und Schutzhund-Service (DWSS) in der Zeit von Februar bis Dezember 2007 Hunde aus Hamburg vermittelt wurden.
Wir prüfen diesen Vorgang jetzt. Auf jeden Fall wurde versäumt, die Hunde zu melden", sagt Gehrke.
Gehrke mag gefährliche Hunde, hatte selber mal einen American-Staffordshire-Terrier.
"Es gibt keine Kampfhunde, sondern nur Kampfmenschen", davon ist Gehrke überzeugt. Über den Verbleib jedes einzelnen Hundes soll die DWSS jetzt einen Nachweis erbringen.
"Bisher wissen wir nur, dass einige der Tiere an einen Tierarzt in der Slowakei vermittelt wurden", so Gehrke.
Ortswechsel. Eine Landstraße am Rande von Blumberg (Gemeinde Ahrensfelde). Auf einem nur schwer einsehbaren und von Wäldern und Hügeln umgebenen Gelände residiert die Deutsche Wach- und Schutzhund Service GmbH.
In einem gelben Gebäude sind die Büroräume untergebracht, daneben beginnt die große abgesperrte Zwingeranlage.
Lautes Hundegebell ist zu hören. Geschäftsführer Matthias Köhler reagiert gereizt auf den Abendblatt-Besuch, bestätigt aber: "Ich habe die Hunde aufgenommen, weil ich helfen wollte. Ich habe Geld dafür vom HTV bekommen, das reicht aber natürlich nicht aus."
Wieviel er bekommen hat, will er auch nicht sagen. Die Frage, ob und wohin die Hunde weitervermittelt wurden, beantwortet Köhler so:
"Das sage ich nicht, auf jeden Fall wurde mit den Hunden nicht gehandelt. Einige sind auch noch hier."
Die Zwinger darf das Abendblatt nicht anschauen. Von einer Angestellten lässt Köhler einen Kangal-Mix bringen:
"Der kommt vom HTV."
Einen Kampfhund aus Hamburg will Köhler aber nicht zeigen.
Ein paar Kilometer weiter. In einem Waldstück am Rande von Ladeburg betreibt der Tierschutzverein Niederbarnim ein Tierheim.
Derzeit sind etwa 70 Hunde hier untergebracht, dazu kommen Katzen und Kleintiere. Insgesamt zehn Mitarbeiter arbeiten hier. Doch von den gefährlichen Hunden aus Hamburg keine Spur:
"Wir haben im vergangenen Jahr keine Hunde aus Hamburg aufgenommen", beteuert Tierheimleiter Frank Henning .
Die Hamburger Gesundheitsbehörde, die den offenbar illegalen Handel finanziert hat, gibt sich indes wortkarg.
Es seien Nachweise des HTV vorgelegt worden, heißt es.
Nachweise, dass die Tiere tatsächlich in einem Tierheim in Brandenburg gelandet sind, hat die Behörde offenbar nicht vom HTV verlangt.
Bezahlt hat sie trotzdem.
