leinenlos / 2007: Poggendorfgate / Dubiose Finanzen / Gesamtvermögen / 27.05.2003 - Wie arm ist das Tierheim?



27.05.2003 - Wie arm ist das Tierheim?

27.05.03, Abendblatt
Wie arm ist das Tierheim?

Die Stadt soll 1,4 Millionen statt 280 000 Euro pro Jahr zahlen - obwohl der Tierschutzverein ein Millionenvermögen besitzt.
Von Jan-Eric Lindner, Constanze Buss

Am Ende der tristen Süderstraße in Hamburg-Hamm, wo Autohändler Gebrauchtwagen hinter Flatterband anbieten, Speditionen ihre Lastwagen auf die Reise schicken und Schreber Gärten pflegen, sind Geräusche zu vernehmen wie sonst nur bei Hagenbeck.

Hier liegt das Tierheim des Hamburger Tierschutzvereins von 1841 e.V.. Ein meist vorübergehendes Zuhause für bis zu 1000 Tiere gleichzeitig, die gefunden, gerettet, nicht mehr geliebt oder "umständehalber" abgegeben werden.

12 000 teils knuddelige, teils angsteinflößende Kameraden werden im Jahr gebracht, gepflegt, gefüttert und vielleicht wieder abgeholt.

Bisher zahlte die Stadt dafür 280 000 Euro an den Verein. Künftig soll es fast fünfmal so viel sein:

Die Tierschützer fordern vom Senat jetzt 1,4 Millionen Euro pro Jahr, haben die bisherigen Kooperationsverträge gekündigt und damit bei manchem Tierfreund und Interessenvertretern anderer Verbände und Organisationen für Unverständnis gesorgt. Gibt es in Hamburg bald kein Heim für Tiere mehr?

Längst ist der Tierschutzverein zu einem Wirtschaftsbetrieb mittlerer Größe geworden. 80 fest angestellte Mitarbeiter, darunter drei Ärzte, kümmern sich um das nicht immer liebe Vieh, das Gesamtvermögen beträgt rund zehn Millionen Euro.

Allein der Etat für das abgelaufene Jahr lag bei 5,4 Millionen Euro. Größte Posten bei den Ausgaben: Personal, Futter, Medizin. Haupteinnahme sind Erbschaften: Drei Millionen Euro aus dieser Quelle erreichten den e.V. in 2002. Im Internet werden Anleitungen gegeben, wie man das eigene Vermögen ans Tierheim vermachen kann.

Die 7000 Clubmitglieder zahlten insgesamt 350 000 Euro Beiträge in die Vereinskasse (jeweils 50 Euro pro Jahr), eine halbe Euro-Million stammte aus Vermietungen, Pacht und anderen Einnahmen (der Verein erbt immer wieder Häuser und Grundstücke).

Eine halbe Million erwirtschaftete der HTV durch Tiervermittlung, 100 000 Euro zudem durch Buch- und Plüschtierverkäufe. Dazu kommen die Beiträge der Stadt für die Pflege von sichergestellten Tieren, Fund- und Sozialtieren, für die die Stadt laut Gesetz zu sorgen hat.

"Wir sind wirtschaftlich noch gesund", sagt Vereinschef Wolfgang Poggendorf (65) angesichts solcher Zahlen. Aber: "In den vergangenen drei Jahren mussten wir drei Millionen aus unserem Vermögen entnehmen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten." Die Hauptgründe dafür: Zum einen seien die monatlichen Kosten für die Haltung der Tiere deutlich gestiegen. Poggendorf: "Immer mehr Tiere kommen in schlechtem Zustand, weil ihren Besitzern das Geld fehlt, um sie ordentlich zu pflegen. Außerdem bleiben die Tiere länger."

Rechnet Poggendorf die Gesamtkosten seines Vereins auf Tag und Tier herunter, kommt er heute auf 14 Euro. Noch vor vier Jahren waren es nur zwölf Euro. Zum anderen gehen die Spenden zurück: "Wir haben zwar noch immer viele Gönner", so Poggendorf, "doch die Leute geben eher 20 als 100 Euro."

Theoretisch könnte der HTV solche Engpässe auch in den kommenden Jahren noch aus seinem Vermögen ausgleichen. Aber Poggendorf warnt: "Wir dürfen unsere Reserven nicht zu stark reduzieren. Wenn wir dann mal ein Jahr mit wenigen Erbschaften erwischen, gehen die Lichter in der Süderstraße aus."

Die Millionen-Forderung an die Stadt sei deshalb nicht nur begründet, sondern auch gerechtfertigt: "Dank unseres Vereins ist Hamburg die Sorge um herrenlose Tiere aller Art los", sagt Poggendorf. Sparmaßnahmen im Betrieb sieht er angesichts der zunehmenden Zahl an abgegebenen Tieren nicht:

Es gebe reichlich Arbeit für die 80 Angestellten, die von Ehrenamtlichen unterstützt werden. Außerdem müsse man auf alles vorbereitet sein. "Wo sonst", fragt Poggendorf, "sollten zum Beispiel herrenlose Kormorane oder Boas ein Heim finden, wenn nicht beim HTV?"

Tatsächlich ist das Tierschutzheim in der Süderstraße das einzige seiner Art in Hamburg, dass auch exotische Lebewesen aufnehmen kann. Andere Heime, die ohne städtische Zuschüsse wirtschaften, kümmern sich für deutlich kleinere Gebühren vor allem um Hunde, Katzen und Meerschweinchen.

Die HTV-Konkurrenten könnten zudem der großen Zahl ausgesetzter und abgegebener Tiere kaum Herr werden. Trotzdem haben sie wenig Verständnis für die Forderungen an die Stadt: Der HTV habe Geld wie Heu, heißt es unter Tierschützern. Er möge seine Millionen nicht horten, sondern für den Tierschutz einsetzen.

Trotzdem wird es die Stadt schwer haben, den Forderungen Poggendorfs nicht nachzukommen. Denn rund 8000 der jährlich eingelieferten Zwei- und Vierbeiner sind Tiere, die unter die Verantwortung der Stadt fallen. Und die hat zum HTV keine Alternative.