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12.03.2008 - SPD nicht im 21. Jahrhundert angekommen

12.03.2008, Focus
Nacktfoto-Posse
Viel Unterstützung für SPD-Frau

Ihre Nacktfotos im Internet brachten Birgit Auras um ein Kommunalamt im norddeutschen Neustadt. Dafür schlägt der Betroffenen eine Welle von Mitgefühl entgegen.

Sie habe bergeweise E-Mails aus ganz Deutschland bekommen, sagte die Boutiquenbesitzerin und verhinderte Kommunal-Kandidatin Birgit Auras am Mittwoch.

Fast alle Verfasser ermunterten sie, weiterzumachen und wieder zu kandidieren. Nur eine „verschwindend geringe Zahl an negativen Stimmen“ sei darunter gewesen.

Wegen Nacktaufnahmen von sich im Internet war die 50-Jährige, die für das Kommunalparlament der kleinen Hafenstadt kandidieren wollte, nach eigenen Worten von ihrer Partei unter Druck gesetzt worden:

„Ich wurde vor die Alternative gestellt, entweder die Fotos von der Homepage zu entfernen oder von der Kandidatur zurückzutreten“, sagte Auras. Sie zog daraufhin zurück. Am 25. Mai ist Kommunalwahl in Schleswig-Holstein.

SPD-Frau in der Sexismus-Falle

Die Ladenbesitzerin vertreibt auch Mode und eigene Artikel über das Internet und wirbt auf der Homepage mit Nacktfotos. So präsentiert Auras etwa freizügige T-Shirts, posiert aber auch ganz ohne. Dies hatte im SPD-Ortsverein zu Protesten geführt.

„Rotz und Wasser geweint vor Rührung“

Auras sagte zu den Solidaritätsmails und den positiven Einträgen im Gästebuch ihrer Internetseite: „Ich habe gestern Rotz und Wasser geweint vor Rührung.“ Für die Zukunft wünsche sie sich für den Neustädter SPD-Ortsverein, „dass man mit Problemen, die auftauchen, gelassener und entspannter umgeht“. Es gehe allen ja um die Sache, sie wolle sich nicht in Szene setzen.

Wenn sich die beschwerdeführenden Damen aus dem Ortsverein bei ihr entschuldigten, würde sie noch einmal über eine Kandidatur nachdenken und sich wahrscheinlich dafür entscheiden. „Ich bin kein Elefant, der nicht vergessen kann“, sagte Auras.

Die 50-Jährige hatte vorher berichtet, sie sei wegen der Aktbilder „so was von diskriminiert und verletzt worden. Das war schon heftig.“ Sie habe daraufhin entschieden, auf die Kandidatur zu verzichten. „Das war aber keine normale, sachliche Auseinandersetzung“, sagte sie.

„SPD nicht im 21. Jahrhundert angekommen“

Die Fraktionsvorsitzende und stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende der SPD in Neustadt, Margit Gieszas, hatte erklärt, es habe eine Diskussion über die Fotos gegeben, daraufhin sei die Kandidatin von sich aus zurückgetreten.

„Darüber diskutieren wir hier in Neustadt nicht mehr“, hatte Gieszas gesagt.

In den „Lübecker Nachrichten“ zeigten sich andere Genossen entgeistert über die Kritik an Auras: „Ich habe irrtümlich geglaubt, die SPD sei inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen“, sagte Neustadts SPD-Ehrenvorsitzender Hermann Benker der Zeitung.

In anderen Ortsvereinen sehen die Genossen das Thema Nacktheit gelassener:

Zwölf SPD-Frauen aus Offenbach haben sogar einen Kalender drucken lassen, in dem sie unbekleidet posieren.

uq/AP