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17.09.2008 - Das Glück ist kaum zu fassen

17.09.2008, Abendblatt
Leben: Die Liebe, der Lottogewinn, ein Picknick am Sommerabend - was nur löst dieses unbeschreibliche Gefühl aus?
Das Glück ist kaum zu fassen

Mehrere Tage lang haben sich Wissenschaftler in dieser Woche in Erfurt vor allem mit einer Frage beschäftigt: Was macht den Menschen mit sich und der Welt zufrieden, was macht ihn glücklich?

Für den Leipziger Mediziner Michael Geyer, der die Psychotherapiewochen leitete, sind "Liebe und Freundschaft die einzigen Garanten für Glück. Bei Reichtum und Ruhm gibt es dagegen keinen erkennbaren Zusammenhang mit dem Glücksgefühl." Doch auch das ist nur eine von vielen Antworten.
Von Armgard Seegers

Hamburg - Was ist Glück? Ein langes Leben? Ein Lottogewinn? Eine harmonische Familie? Sicherlich all das, aber eben nicht nur. Ein langes Leben kann schmerzvoll enden. Ein Lottogewinn löst gewiss heftige Glücksgefühle aus, aber nach fünf Jahren pendelt sich das Glücksempfinden eines Gewinners wieder genau dort ein, wo es vorher schon war, wie Wissenschaftler herausgefunden haben. Und diese Regel gilt auch bei negativen Empfindungen. Zwar gibt die Mehrzahl der Deutschen - und wohl aller Menschen - ein zufriedenstellendes Familienleben als höchstes Glück an, aber auch eine harmonische Familie kann auseinanderbrechen.

Was also macht glücklich? "Wenn man jetzt einmal für einen Augenblick sehr, sehr ehrlich mit sich ist und ernsthaft überlegt, wann man im Leben glücklich war (und nun lassen Sie die Geburt Ihrer Kinder meinetwegen beiseite): Ist es dann tatsächlich die Hochzeit, der Segeltörn, das neue Auto, die Beförderung oder das Aufreißen des Umschlags mit den Scheidungspapieren gewesen? War es nicht vielleicht doch der Moment, in dem man nach der Schule auf dem Sofa ein noch ungelesenes Buch von Enid Blyton aufschlug?", hat die Kollegin Judith von Sternburg kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben.

Und in der Tat ist Glück ja nur in seltenen Fällen ein Großereignis, sondern eher etwas für den Moment. Sigmund Freud meinte: "Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten." Eines aber ist sicher: Jeder Mensch möchte glücklich sein. Am liebsten langfristig.

Der Glückszustand aber währt kurz, ist zerbrechlich, nicht berechenbar und unabhängig von Alter, sozialer Stellung oder vom Geld, das man dafür aufwendet. Es ist das Picknick an einem lauen Sommerabend am See, die klebrige Hand eines Kindes, die sich plötzlich in die eigene Hand schmiegt, das Schaukeln im Garten oder die Gewissheit, dass jetzt, genau jetzt alles im Leben gut ist.

Wenn Freude, Zufriedenheit, das Gefühl des Besonderen und die Abwesenheit von Schmerz zusammenkommen, ist man dem Glück schon ziemlich nahe.

Glück ist immer ein individuelles Empfinden. Der eine freut sich, wenn er die lang gesuchte Uhr ersteigert, ein anderer spürt das Glück beim Skifahren, der Dritte wird glücklich beim Einkauf im Süßwarenladen. Das subjektive Wohlbefinden lässt sich immer noch aus eigenem Antrieb verbessern. Wer lernt, Ziele zu verfolgen, die ihm am Herzen liegen und sich positiven Aspekten des Lebens öffnet, ist häufig zufriedener als vorher, sagen die Experten.

Und auch das steht fest: Es gibt Menschen, die charakterlich eher zum Glücklichsein neigen als andere. Diejenigen nämlich, die das Leben etwas leichter nehmen können, die Hässliches verdrängen und Gutes erkennen können. Frei nach dem Motto aus Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus": "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist."

Manch einer möchte Verantwortung für das eigene Glück übernehmen, es sich zurechtbiegen. Anleitungen hierfür gibt es genug. Seit den 90er-Jahren haben Forscher zahllose Studien durchgeführt, die zeigen sollen, was glücklich macht und welche Vorteile das bringt.

Allein der deutsche Buchmarkt weist knapp 9000 Titel auf, in denen das Wort Glück eine Rolle spielt. "Glück, alles, was Sie darüber wissen müssen", "Der Weg zum Glück" oder "Die zehn Geheimnisse des Glücks" suggerieren, man könne das Glück erlernen wie eine Fremdsprache oder buchen wie einen Wellnessurlaub. An einer Heidelberger Schule wird das Fach Glück jetzt sogar unterrichtet.

Der Soziologe und Vermögensforscher Professor Thomas Druyen sagt: "Geld gehört zu den ganz wenigen Phänomenen - im Gegensatz zu Liebe oder Treue -, bei denen gilt: Selbst wenn der Bedarf gedeckt ist, erneuert er sich immer wieder. Es scheint, als handelt es sich um eine nicht zu stillende Sehnsucht." Wenn man das Ziel, genug Geld zu haben, aber nie erreichen kann, braucht man zu seiner seelischen Glückseligkeit offenkundig andere Mittel.

Richard Layard, Professor an der London School of Economics, behauptet: "Obwohl die westlichen Industrienationen immer reicher werden, wird die Gesellschaft ins-gesamt nicht glücklicher. Der Lebensstandard funktioniert ein bisschen wie Alkohol oder andere Drogen: Wenn ich eine angenehme, neue Erfahrung gemacht habe, dann brauche ich immer mehr davon, um weiterhin das gleiche Glück zu empfinden. Das benötigte Einkommen wird immer höher, je mehr die Leute verdienen. Kein Wunder, dass die Menschen nicht glücklicher werden."

Die Frage, welche Aktivitäten glücklich machen, haben bei einer Untersuchung 1000 berufstätige texanische Frauen mit Tätigkeiten beantwortet, die kaum oder gar kein Geld kosten: Sex, Freunde treffen, essen, entspannen. Die drei wichtigsten Glücksverderber waren die Fahrt zur Arbeit, die Arbeit und die Heimfahrt von der Arbeit. Haben die vielleicht alle einen unangenehmen, fiesen Chef? Denn insgesamt gilt: Wer keine Arbeit hat, ist unglücklicher als die, die arbeiten. Wer seinen Job verliert, so sagen es viele Untersuchungen, wird weniger wegen des wegfallenden Einkommens unglücklich als aufgrund der verlorenen Aufgabe. Der Verlust der Arbeit und der Verlust des Partners tragen am meisten zum persönlichen Unglück bei.

Der Heidelberger Professor Wolfgang Knörzer hat das Glück untersucht und herausgefunden, dass der Mensch vier Grundbedürfnisse befriedigen muss, um glücklich zu sein. Dazu zählen: starke Bindungen, Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn und Selbstwerterhöhung. Kann ein Mensch hinter all diese Punkte einen Haken machen, ist er meist mit sich und dem Leben zufrieden.

Der Satiriker Ambrose Bierce allerdings definierte schon 1906 in "Des Teufels Wörterbuch" Glück als "angenehmes Gefühl, das aus der Betrachtung fremden Elends erblüht". Was Glück ist, definiert sich also stets dadurch, dass man etwas mehr als die anderen hat. Wer Geld hat, der ist möglicherweise zufrieden, aber nur wer über mehr Geld verfügt als seine Altersgenossen und Kollegen, ist wirklich glücklich. Das wirft kein besonders gutes Licht auf das Streben der Menschheit, ist aber so.

Das relative Einkommen, so hat eine Vielzahl von Untersuchungen ergeben, ist oft wichtiger für das Glücksempfinden als das absolute Einkommen. Wer beispielsweise eine Gehaltserhöhung von 100 Euro bekommt, freut sich darüber nur, wenn die Kollegen nicht gleichzeitig 300 Euro mehr bekommen. Forscher haben Probanden gefragt, ob sie lieber 50 000 Euro verdienen würden, wenn ihre Kollegen 40 000 Euro verdienen oder 100 000 Euro, wenn die Kollegen 200 000 Euro verdienen. Die weitaus größte Zahl hat sich für 50 000 Euro geringeren Verdienst entschieden, weil sie damit im Vergleich zu den anderen eben mehr haben. Und trotz der Einsicht, dass man mit 100 000 Euro Gehalt eine ganze Menge Luxus kaufen kann.

Geld allein macht nicht glücklich, so haben wir es seit unserer Kindheit gehört. Aber es hilft. Überall auf der Welt sind reiche Menschen im Schnitt glücklicher als arme. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat es auf den treffenden Satz gebracht: "Geld macht nicht glücklich, aber es ist besser in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn." Künstler Herbert Achternbusch drückt es profaner aus: "Das schöne Gefühl, Geld zu haben, ist nicht so intensiv, wie das Scheißgefühl, kein Geld zu haben."

Wie kommt es nun aber, dass in internationalen Vergleichsstudien materiell arme Länder im Hinblick auf das Glücksempfinden ihrer Bevölkerung meist weit vor den reichen Nationen liegen? In Kolumbien, Costa Rica, Panama sind die Menschen am glücklichsten, wenn man die Bewohner nach ihrer Lebenszufriedenheit fragt. Deutschland kommt irgendwo im Mittelfeld. Ganz hinten liegen Russland und Simbabwe. Nach einer Studie der "London School of Economics" sollen die glücklichsten Menschen der Welt gar in Bangladesch leben, einem Land, das zu den ärmsten der Welt zählt und das häufig von Naturkatastrophen heimgesucht wird.

Dazu hat der amerikanische Ökonom Richard Easterlin in den 70er-Jahren Erstaunliches herausgefunden: Ökonomisches Wachstum einer Nation steigert die Zufriedenheit der Menschen nicht, sind die Grundbedürfnisse einmal gedeckt. Mit dieser Erkenntnis war das "Easterlin-Paradox" geboren, ein Klassiker der Sozialwissenschaften. Mehr Geld für Plasmafernseher, All-you-can-eat-Urlaube oder einen Sportwagen bedeutet also nicht mehr Glück. "Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 zehnmal so reich sind, wie sie es mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen behauptet, er sei zehnmal so glücklich", hat der irische Dramatiker George Bernard Shaw bereits gewusst.

Geld ist für uns nicht in erster Linie wegen der Dinge wichtig, die wir uns dafür kaufen können - sondern weil es direkt und indirekt unsere Stellung in der Gesellschaft bestimmt. Andererseits brauchen wir für unsere Zufriedenheit ein stetig steigendes Einkommen, ganz unabhängig von dessen Höhe. Stillstand wird als Rückschritt empfunden. Denn der Mensch gewöhnt sich an alles - auch an einen höheren Lebensstandard.

Wenn unser Einkommen steigt, wachsen unsere Ansprüche und Ziele quasi mit. Obwohl uns mehr Geld nicht wirklich glücklich macht, stellen wir es in unserem Leben in den Vordergrund - und handeln uns damit glücksfeindliche Übel ein. Wir arbeiten zu viel und haben dadurch zu wenig Zeit für Freunde und Familie.

Die negativen Begleiterscheinungen der Leistungsgesellschaft haben in den Industrieländern einen guten Teil dessen, was das Einkommenswachstum für sich genommen an zusätzlicher Lebenszufriedenheit hätte bringen können, zunichte gemacht. Psychische Krankheiten, Ehescheidung und mangelnde soziale Kontakte gehören zu den wichtigsten Glückskillern. Eine intakte Familie, Freunde, nette Kollegen und ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Anerkennung am Arbeitsplatz haben den gleichen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit wie riesige Unterschiede oder Veränderungen im Einkommen.

Was aber macht nun wirklich glücklich? Möglichst viele angenehme Gefühle, vor allem möglichst viel Gelassenheit, Gleichmut, emotionale Ausgeglichenheit, Vorfreude, Freude aller Art. "Wer sein Glück vergrößern möchte", so der amerikanische Psychologe Robert Biswas-Diener, der sein Leben der Erforschung des Glücks gewidmet hat, "sollte sich mehr Momente schaffen, in denen er sich auf Schönes konzentrieren kann. Er sollte sein Leben mit Sinn füllen."

Und Sinn, so wird in vielen Untersuchungen deutlich, macht soziales Engagement, Hilfs- und Spendenbereitschaft. Für eine Handvoll Euros, die als Spende weitergeben werden, stellen sich die gleichen Glücksmomente ein wie für ein paar Euro mehr Gehalt.

"Das Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt", hat Albert Schweitzer einmal gesagt. Insofern gehören Geld und Glück vielleicht doch wieder zusammen. Man kann mit viel Geld eben auch viel spenden.