05.08.2008 - Genossenschaft wollte 14 Mitarbeitern kündigen
05.08.2008, Abendblatt
Entlassungen: Mehr als jeder zweite sollte gehen - neue Vorwürfe gegen Vorstände
Genossenschaft wollte 14 Mitarbeitern kündigen
Erst nach der Abendblatt-Anfrage rudern die Chefs zurück - und bestreiten eine wirtschaftliche Schieflage der Wandsbeker Wohnungsgesellschaft.
Von Ulrich Gaßdorf
In diesem Schreiben wird der Betriebsrat über die geplanten Entlassungen informiert. Foto: HA
Die Wohnungsgenossenschaft Hamburg-Wandsbek von 1897 (WHW) befindet sich offenbar in einer bedrohlichen finanziellen Schieflage: 14 der 26 Mitarbeiter sollten im Zuge von "Umstrukturierungsmaßnahmen" betriebsbedingt gekündigt werden.
Das hatte der Vorstand dem Betriebsrat am 14. Juli in einem Schreiben (siehe Ausriss rechts) angekündigt: "Wir sind entsetzt über dieses Schreiben und werden nicht eine einzige Kündigung akzeptieren", sagte die WHW-Betriebsratsvorsitzende Halide Yavuz (39) dem Abendblatt.
In dem Schreiben heißt es: "Zur Vermeidung einer existenzbedrohenden Situation beabsichtigt der Vorstand nunmehr, die Organisationsstruktur unseres Hauses grundlegend zu ändern." Damit vom Abendblatt konfrontiert, rudern die Vorstände jetzt zurück und ließen über den Rechtsanwalt Carl J. Vielhaben ausrichten:
"Aufgrund der eindeutig ablehnenden Haltung der Mitglieder der Vertreterversammlung wird es zu keinen Umstrukturierungsmaßnahmen kommen. Auch wenn diese sinnvoll gewesen wären."
Er betont: "Auch ohne die Umstrukturierungsmaßnahmen ist die WHW nicht in ihrer Existenz bedroht." Allerdings wurde dem Betriebsrat laut Yavuz diese gute Nachricht durch den Vorstand noch nicht überbracht.
Möglicherweise hängt das Umdenken der Vorstände aber auch mit den Vorkommnissen der vergangenen Wochen zusammen: Mitarbeiter und Mitglieder der WHW erhoben schwere Vorwürfe gegen die Vorstände Verena Helle und Martin Hornig (wir berichteten).
Dabei geht es unter anderem um häufige Geschäftsessen in Nobelrestaurants und hohe Kosten, die durch die Einschaltung von Personaldienstleistern entstanden sind. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird.
Unterdessen hat der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) mit einer Sonderprüfung der Geschäftsunterlagen der WHW begonnen.
Außerdem wird es am 21. August eine außerordentliche Vertreterversammlung geben. Dort steht die Abstimmung über die fristlose Kündigung der Vorstände und die Abwahl des Aufsichtsrates auf dem Programm. Die 71-köpfige Vertreterversammlung vertritt die Interessen der rund 4300 Mitglieder der WHW.
Unterdessen gibt es immer neue Enthüllungen: Während WHW-Vorstand Hornig einen Audi A 6 als Dienstwagen fährt, für den monatlich eine Leasingrate von 574 Euro durch die WHW fällig wird, musste Hausmeister Hartmut Roschok seinen Mercedes Sprinter Pritschenwagen Anfang Juli abgeben:
"Das kam völlig überraschend. Am 2. Juli habe ich erfahren, dass ich den Wagen am 4. Juli abgeben muss", sagte Roschok dem Abendblatt. Der 54-Jährige betreut mehr als 320 Wohnungen in Lohbrügge: "Ich muss jetzt mit meiner Werkzeugtasche mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der WHW-Verwaltung in Wandsbek nach Lohbrügge fahren."
Am vergangenen Freitag wollte Roschok mit dem Fahrrad in eine Wohnanlage in Wandsbek fahren, die er auch betreut, und stürzte dabei schwer: "Jetzt bin ich erstmal bis Mittwoch krankgeschrieben", so Roschok.
Für Rechtsanwalt Vielhaben gibt es einen plausiblen Grund dafür, warum Roschok derzeit keinen Transporter hat: "Der Betriebsrat hatte den Vorstand darauf aufmerksam gemacht, dass unzulässigerweise in dem Führerhäuschen des Transporters auch ungesicherte Arbeitsgegenstände transportiert wurden.
Deshalb wurde der Wagen aus dem Verkehr gezogen." Dazu die Betriebsratsvorsitzende Yavuz: "Der Wagen hätte lediglich ein Sicherheitsnetz gebraucht." Übrigens: Nach der Abendblatt-Anfrage kündigte Rechtsanwalt Vielhaben an: "Der Hausmeister wird ein neues Auto erhalten."
