08.08.2008 - Genossenschaft vergrault eigene Mieter
08.08.2008, Abendblatt
Wandsbek: Ehepaar soll aus seinem Haus ausziehen - neue Vorwürfe gegen Vorstand
Wohngenossenschaft vergrault die eigenen Mieter
WHW veräußerte das Grundstück an privaten Investor - um die eigene Bilanz zu schönen? Das behaupten zumindest Kritiker.
Von Ulrich Gaßdorf
Die Blumenbeete sind liebevoll angelegt, der Rasen kurz geschnitten, und ein Springbrunnen plätschert vor sich hin: Inmitten dieser grünen Idylle leben Horst und Marion Rafoth.
Seit 50 Jahren bewohnen die beiden am Küperstieg in Tonndorf ein sogenanntes Behelfsheim, das sie über die Jahre liebevoll ausgebaut haben. Doch jetzt soll das Ehepaar Rafoth hier raus. "Wir haben hier so viel Ged investiert. Wir wollen bleiben", sagt Horst Rafoth. 15 000 Euro wurde dem Ehepaar für einen Auszug von ihrem Vermieter geboten.
Das ist die Wohnungsgenossenschaft Hamburg-Wandsbek von 1897 (WHW). Doch warum will die WHW, gegen deren Vorstände schwere Vorwürfe erhoben werden (wir berichteten), ihre Mieter raushaben?
Weil sie das rund 30 000 Quadratmeter große Grundstück verkauft hat - offenbar aus purer Geldnot: "Das Gelände wurde nur verkauft, damit die Bilanz 2007 nicht verhagelt wird", kritisiert Dennis Timmlau, der Mitglied der 71-köpfigen Vertreterversammlung der WHW ist.
Das habe WHW-Vorstand Martin Hornig ihm noch vor Kurzem in einem persönlichen Gespräch bestätigt. Grund der finanziellen Schwierigkeiten soll das Bauvorhaben Thiedeweg in Wandsbek sein:
Die WHW baut dort bereits seit Anfang vergangenen Jahres 42 Wohnungen. Eigentlich sollten diese bereits im April 2008 fertig gestellt sein. Doch es kam zu Verzögerungen und damit zu Kostensteigerungen:
So lag der Ausgangswert des Bauauftrages laut WHW bei 9,4 Millionen Euro, inzwischen wird von Gesamtkosten von 12,6 Millionen Euro ausgegangen. Die Bauarbeiten dauern an. Dazu Hornig:
"Der Verkauf hatte nichts mit dem Thiedeweg zu tun. Es stimmt aber, dass durch den Verkauf des Grundstücks am Küperstieg die Bilanz verbessert wurde."
Fakt ist: Eigentlich wollte die WHW das Grundstück Küperstieg selber entwickeln, das geht aus diversen Geschäftsberichten der vergangenen Jahre hervor. Dazu Rechtsanwalt Carl J. Vielhaben, der die WHW vertritt: "Die WHW hat inzwischen erkannt, dass das nicht wirtschaftlich wäre."
Kam es deshalb jetzt zu dem "Notverkauf", wie es Timmlau bezeichnet? Ende Dezember 2007 wurde das Grundstück an die Firma Hanseatische Bau-Konzept (HBK) verkauft.
Die will dort mit privaten Investoren insgesamt rund 300 Mietwohnungen bauen. Kaufpreis nach Abendblatt-Informationen: 6,695 Millionen Euro. Nach Angaben der WHW wurde das Grundstück in drei Kaufverträge unterteilt - bis heute ist noch kein Geld geflossen.
Dazu Jurist Vielhaben: "Zahlungen erfolgen nach freier Lieferbarkeit der Grundstücke innerhalb von eineinviertel Jahren, beginnend in diesem Jahr."
Wie groß die Geldnot der WHW offenbar ist, zeigte sich erst vor Kurzem, als insgesamt 14 Mitarbeitern der Genossenschaft gekündigt werden sollte (wir berichteten).
Dies wurde nach Protesten der Mitglieder der Vertreterversammlung verworfen. Unterdessen wird es am 21. August eine außerordentliche Vertreterversammlung geben, auf der über die fristlose Kündigung des Vorstands und die Abwahl des Aufsichtsrats abgestimmt wird.
Doch was wird aus Ehepaar Rafoth? Müssen die Rentner aus ihrer grünen Idylle ausziehen? "Keineswegs", sagt Eckard Pahlke, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg: "Ein neuer Eigentümer rechtfertigt keine Kündigung des Mietverhältnisses
