13.08.2008 - Das heiße Leben des Dr. H.
13.08.2008, Abendblatt
Lüneburg: Staatsanwalt klagt an: Abrechnungsbetrug in der Klinik
Das heiße Leben des Dr. H.
Es geht um 1000 Operationen und 1,85 Millionen Euro. Und es geht um Frauen, Erpressung und Brandstiftung.
Von Carolin George
Lüneburg - Es war ein Geschäft, das sich für beide Seiten lohnte - ob es rechtmäßig war oder nicht, das werden Richter klären. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg hat Anklagen erhoben gegen einen Orthopäden sowie gegen zwei Mitglieder des Managements der Städtischen Klinik.
Gemeinsam sollen sie über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren Abrechnungsbetrug begangen haben, allein ein Teil der Vorwürfe umfasst 1,85 Millionen Euro. Der Arzt sitzt zurzeit in Haft - als verurteilter Brandstifter.
Es war die Nacht zum 26. Januar 2007, da brannte in Reppenstedt nahe Lüneburg ein Einfamilienhaus nieder. Der Schaden: 200 000 Euro. Es war das Haus einer ehemaligen Geschäftspartnerin und ehemaligen Geliebten des Orthopäden Dr. Peter Huhle, mit der er acht Jahre eine intime Beziehung lebte - neben seiner Ehe. Als die Geliebte ihn verließ, wollte er das nicht hinnehmen, rief immer wieder an, schrieb Nachrichten auf ihr Handy. Und ließ schließlich ihr Zuhause in Brand stecken, in der Hoffnung, dass sie ihn danach um Hilfe bittet.
Davon jedenfalls war im Oktober vergangenen Jahres das Landgericht Lüneburg überzeugt, verurteilte den damals 53-Jährigen zu drei Jahren und sechs Monaten Haft - das Urteil ist wegen Revision noch nicht rechtskräftig.
Der Doktor lebte auf großem Fuß, hatte seiner Geliebten laut Staatsanwaltschaft 20 000 Euro zum Hauskauf spendiert und eine polnische Prostituierte (damals Anfang 20) mehr als ein Jahr lang für regelmäßige Dienste - laut ihrer Aussage unter anderem im Büro seiner Praxis - entlohnt. Als der Arzt der Polin von seinen Brandstifterplänen erzählte, erpresste sie ihren Freier, ließ sich ihr Wissen mit 13 500 Euro vergolden. Sie bekam eine Bewährungsstrafe. Er ging ins Gefängnis und verlor seine Zulassung als Arzt.
Jetzt kommt die neue Anklage: Der Arzt hatte seine Praxis als Mieter im Städtischen Klinikum Lüneburg, operierte fleißig, ließ aber die unerlaubten Operationen über die Klinik abrechnen. So betreffen Teile der Vorwürfe nicht nur ihn, sondern auch den Geschäftsführer des Klinikums, Jürgen Clavien, und den Chef der Muttergesellschaft Gesundheitsholding GmbH, Rolf Sauer, der zuvor Kämmerer von Lüneburg war.
Deren oberster Dienstherr, Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD), stellte sich gestern vor die Beschuldigten: "Ich habe keinen Anlass, an der Integrität der verantwortlich handelnden Geschäftsführer Jürgen Clavien und Rolf Sauer zu zweifeln."
Der Vorwurf gegen alle drei: Huhle soll im Krankenhaus stationäre Operationen durchgeführt haben, die die Klinik bei den Kassen abgerechnet haben soll. Die Rede ist von knapp 1000 Fällen und 1,85 Millionen Euro. Dafür soll der Arzt dem Klinikum Rechnungen in Höhe von rund 250 000 Euro gestellt haben - blieben 1,6 Millionen fürs Krankenhaus.
Laut Oberstaatsanwalt Manfred Warnecke war das gegen das Gesetz: "Im Klinikum dürfen nur Belegärzte operieren, die nötige Zulassung dafür hat das Klinikum aber nicht erhalten." Sauer und Clavien sind von der Anklage "völlig überrascht", die Verfahrensweise sei im Vorwege juristisch geprüft worden und "nicht zu beanstanden".
Ein weiterer Vorwurf betrifft nur Huhle und Clavien: Ambulante Operationen in Huhles Praxis sollen per Scheinüberweisungen ans Klinikum ebenfalls von dort über die Kassen abgerechnet worden sein, obwohl das Haus diese gar nicht erbracht haben soll. Clavien sagte dem Abendblatt: "Das stimmt nicht. Es wurden nur Leistungen abgerechnet, die auch erbracht wurden. Wir haben uns nicht persönlich bereichert."
Huhle soll zudem 20-mal Sonden mehrfach verwendet, aber als neu abgerechnet haben (Schaden: 6000 Euro) und zu Unrecht 43 000 Euro von einer Krankentagegeldversicherung kassiert haben.
Möglicher Vorteil für Huhle: Er konnte größere Operationen anbieten als in seiner Praxis, musste seine Patienten nicht an Mitbewerber verweisen und hatte eine Einkommensquelle mehr. Möglicher Vorteil für das Klinikum: viel Ertrag bei wenig Aufwand, ein höheres Budget und mehr Patienten.
