18.12.2006 - Korruption in der Praxis
18.12.2006, Süddeutsche Zeitung
Razzia bei Ratiopharm
Korruption in der Praxis
Wer glaubt, Schmiergeldskandale würden sich auf die Elektronikbranche oder gar Siemens beschränken, der irrt. Auch im Zusammenspiel von Pharmaindustrie und Medizinern prägt Korruption den Alltag.
Ein Kommentar von Kristina Läsker
Erfreulich ist das Vorgehen der Staatsanwaltschaft Ulm: Am Montag ließ sie 400 Wohnungen von Außendienstmitarbeitern der Firma Ratiopharm, Hersteller nachgeahmter Arzneimittel (Generika), untersuchen.
Sie suchte nach Beweisen dafür, dass die Pharma-Vertreter möglicherweise ihre Kunden, die Ärzte, mit Geld- oder Sachgeschenken bestochen haben.
Sollte es der Staatsanwaltschaft gelingen, die bei Ratiopharm zwischen 2001 und 2005 übliche Einflussnahme der Ärzte als Missbrauch zu enttarnen, hätte das Auswirkungen auf die gesamte Branche.
Denn die Sitten in der Generika-Industrie sind hart: Weil die nachgeahmten Arzneien gleich sind, bestimmt der Preis den Absatz - und die guten Beziehungen zu den Ärzten.
Kampf um die Gunst der Ärzte
Grund genug, Außendienstheere auf die Praxen loszulassen; der Kreativität der Einflussnahme sind wenig Grenzen gesetzt. Vorsicht waltet inzwischen bei Reisen oder Bargeldgeschenken. Vorteilsnahme findet woanders statt: durch Honorare für angebliche Beratungen, unnötige Anwendungsbeobachtungen oder unnütze Studien.
Sollte solches Verhalten bei Ratiopharm geahndet werden, müssten auch andere Wettbewerber zurückrudern. Doch dazu müsste sich auch das Selbstverständnis einiger Mediziner ändern.
Es gibt noch immer zu viele Ärzte, die bei den Pharmafirmen gern die Hand aufhalten. Hier muss endlich ein Umdenken einsetzen.
Denn den Preis der Korruption zahlen die Krankenkassen - und damit alle Versicherten.
