11.07.2005 - Medien: "Den Preis glatt verdoppelt"
11.07.2005, FOCUS
Medien
„Den Preis glatt verdoppelt“
Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner kommentiert die Fälle Emig und Mohren – und kritisiert öffentlich-rechtliche Finanztricks
Von Thomas Alexander Staisch und FOCUS-Redakteur Thomas Zorn
FOCUS: Herr Schaupensteiner, der Ex-Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, sitzt wegen Korruptionsverdachts in Untersuchungshaft. MDR-Sportchef Wilfried Mohren ist suspendiert. Gibt es Querverbindungen innerhalb der Sender oder zu weiteren ARD-Anstalten?
Schaupensteiner: Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen. Wir wissen noch nicht einmal, ob wir ein Korruptionsgeflecht an der Wurzel gepackt haben oder ob wir nur an Seitenästen ziehen.
FOCUS: In der ARD existiert seit langem die Praxis, Veranstalter von Randsportereignissen für einen Sendeplatz bezahlen zu lassen. Sehen Sie darin einen Türöffner für Bestechung?
Schaupensteiner: Je stärker sich Sender aus der Produktion zurückziehen und private Unternehmen dazwischen-schalten, desto unübersichtlicher wird das Abrechnungssystem, und umso leichter wird das Geschäft für Menschen mit krimineller Energie.
FOCUS: Wie hoch beziffern Sie den Schaden im Fall Emig?
Schaupensteiner: Die Beschuldigten haben das Image des HR erheblich beschädigt. Finanziell bluten mussten aber vor allem die Veranstalter, die bereit waren, für eine Übertragung ihres Sportereignisses Geld hinzublättern.
Wie viel bei den Durchstechereien unrechtmäßig verdient wurde, lässt sich nur in jenen Fällen beziffern, von denen wir wissen, dass eine Agentur bei den Sportübertragungen eingeschaltet worden ist, obwohl der HR die Übernahme der Produktionskosten signalisierte.
Da hat die Agentur als Durchlauferhitzer den Preis der Berichterstattung ohne Eigenleistung glatt verdoppelt.
FOCUS: Kritiker glauben, dass Sie gar kein solides rechtliches Fundament für Ihr Vorgehen besitzen.
Schaupensteiner: Sportchefs der gebührenfinanzierten Sendeanstalten ARD und ZDF nehmen öffentliche Aufgaben wahr und sind damit Amtsträger im strafrechtlichen Sinn.
FOCUS: Sportreporter von Privatsendern dürfen also schmieren und sich schmieren lassen?
Schaupensteiner: Da ist eine Gesetzeslücke, die wir rasch schließen sollten. Wir brauchen auch noch weitere dezidierte Straftatbestände auf dem Feld der Korruption, um gegen Betrügereien von niedergelassenen Ärzten oder Schiedsrichtern entschieden vorgehen zu können.
FOCUS: Welche Lehre muss die ARD aus den Fällen Emig/Mohren ziehen?
Schaupensteiner: Da fragen Sie die Intendanten. Generell ist Transparenz der beste Schutz gegen Korruption. Mitarbeiter von Sendern sollten ihre Geschäftsbeziehungen offen legen, auch die ihrer Ehefrauen, Geschwister und Schwäger.
Wer dies nicht ehrlich tut, dem drohen wenigstens schon mal arbeitsrechtliche Konsequenzen.
FOCUS: Wann wird Emig aus der U-Haft entlassen?
Schaupensteiner: Das hängt von seiner Aussagebereitschaft ab.
FOCUS: Gibt es Parallelen zum Fall Mohren?
Schaupensteiner: Da lief offenbar dieselbe Masche ab. Genaues kann und darf ich nicht sagen. Das Verfahren Mohren liegt jetzt bei den Dresdner Kollegen.
DER JÄGER
Der 56-Jährige gilt als der Korruptionsexperte.
Hessischer Top-Jurist
Der gebürtige Frankfurter Wolfgang Schaupensteiner begann als Anwalt für Wettbewerbsrecht.
Erfolgreicher Ermittler
Der Kunstliebhaber ist seit 1993 Leiter der Korruptionsabteilung bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft.
