15.11.2004 - Feuilleton-Korruption
15.11.2004, FOCUS
ZEITUNGEN
Feuilleton-Korruption
Im Kielwasser der Berliner Opernaffäre gerät die Theaterkritik selbst in die Kritik
Von FOCUS-Redakteur Gregor Dolak
Eilig berief die Kulturredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ eine Krisensitzung ein. Das gesamte deutsche Feuilleton diskutiert heftig. Selbst bei der „Frankfurter Allgemeinen“ hängt der Haussegen schief.
Wegen eines Leitartikels von FAZ-Chefkritiker Gerhard Stadelmaier, in dem der wortgewaltige Rezensent eine volle Breitseite gegen die gesamte Branche abfeuert.
Ohne Namen zu nennen, dafür aber in indizienhafter Beschreibung der Personen wirft der mächtige Einzelgänger unter den Theaterrezensenten namhaften Kollegen Wichtigtuerei und Insider-Filz vor.
Scharfzüngig prangert Stadelmaier, Schüler der unbestechlichen FAZ-Legende Georg Hensel, „Korruption durch Kumpanei“ in seiner Zunft an.
Viele Kritiker vertauschten ihre Rolle als „Merker“ mit der des „Machers“, bemängelt der FAZ-Mann. Dabei tappten sie in die „Instrumentalisierungsfalle“ der Politik. Manche gerierten sich mehr wie Akteure denn wie Berichterstatter.
Zu DDR-Zeiten habe etwa Detlef Friedrich von der „Berliner Zeitung“ als Pressedramaturg am Deutschen Theater gearbeitet. In der ätzenden Ost-West-Debatte, die derzeit in der Hauptstadt tobt, geißele er heute die Wessi-Ausrichtung des Hauses unter Intendant Bernd Wilms.
Andere Zeitungsautoren arbeiten für Theater, die sie eigentlich mit kritischer Distanz beobachten sollen, attackiert Stadelmaier. So habe ein Kritiker Aufsätze für Programmhefte des Züricher Schauspielhauses geschrieben, dessen Aufführungen er später in seiner Zeitung besprach.
Auf ganz besondere Art habe ein älterer Kollege profitiert, der bei Premierenfeiern Schauspielerinnen abschleppte, über die er später positiv berichtete.
Insbesondere bei der FAZ-Konkurrenz „Süddeutsche Zeitung“ ortet Kritiker-Kritiker Stadelmaier Selbstbedienung: „Kollegen einer Zeitung, die sich öffentlich immer so pharisäisch große Sorgen um den Zustand der Theaterkritik macht.“
So habe SZ-Theaterkritiker C. Bernd Sucher in der „Edition Burgtheater“ ein Sachbuch verfasst – und weiterhin Burgtheater-Inszenierungen rezensiert.
Motiv für Stadelmaiers Frontalangriff war die Berliner Opernaffäre. Der Feuilletonchef des „Tagesspiegel“, Peter von Becker, hatte sich von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) für besondere Recherchen einspannen lassen.
Zum Hintergrundgespräch traf er Bernd Fülle, Kandidat für das Amt des Generaldirektors der Stiftung „Oper in Berlin“. In seinem Blatt schrieb Becker darüber kein Wort. Dafür rapportierte er per E-Mail an Flierl:
„Der Eindruck, was BFs Befähigung für Berlin angeht, ist entschieden schlecht.“ In seiner Zeitung empfahl Kulturchef Becker dagegen Fülles Konkurrenten Michael Schindhelm umso entschiedener für den Posten. Dem derzeitigen Intendanten am Theater Basel wird Stasi-Vergangenheit vorgeworfen.
Vergangenen Freitag trennte sich die Chefredaktion des „Tagesspiegel“ von Becker – genau am Tag von Stadelmaiers Generalabrechnung mit seinem „korrupten“ Berufsstand.
