11.10.2008 - Radsport-"Verräter" bekommt keinen Job mehr
11.10.2008, SPIEGEL ONLINE
RADPROFI SINKEWITZ
Der Ehrliche ist der Dumme
Von Jörg Schallenberg, Fulda
Dopingsünder auf Jobsuche: Der frühere T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz findet kein neues Team, obwohl er für ein Mini-Gehalt fahren würde und zu den besten deutschen Radprofis gehört. Sein umfassendes Geständnis scheint viele zu stören - doch niemand gibt es offen zu.
Vor der Sparkasse bleibt Patrik Sinkewitz plötzlich stehen, breitet die Arme aus und sagt feierlich: "Hier habe ich mein erstes Rennen gewonnen." Acht Jahre alt war Sinkewitz im September 1989, als er mit seinem ersten Rennrad die Rabanusstraße in der Innenstadt von Fulda entlang raste und im Ziel triumphierend die Arme in die Luft warf - so wie die Großen, die er im Fernsehen gesehen hatte.
Später gehörte der schmale Junge, der im Vorort Pilgerzell aufgewachsen war, selbst zu den Großen. Er wurde Profi, gewann die Deutschland-Tour, startete bei den größten Rennen und fuhr an der Seite von Jan Ullrich für die Elite des deutschen Radsports, das T-Mobile-Team. Jetzt, mit fast 28 Jahren, ist Sinkewitz zurück in der hessischen Provinz. Und es sieht im Moment nicht so aus, als wenn er noch einmal von hier aufbrechen würde. Zu seiner zweiten Karriere.
Die erste endete, als er am 18. Juli 2007 mit schweren Gesichtsverletzungen in einen Operationssaal des Hamburger Bundeswehr-Krankenhauses geschoben wurde. Sinkewitz war bei der Tour de France mit einem Zuschauer kollidiert und schwer gestürzt. Auf dem Weg in den OP klingelte sein Handy, am anderen Ende fragte jemand, was er denn zu seiner positiven Dopingprobe sagen würde.
Der hoch dotierte Radprofi war mit Testosteron erwischt worden, was in der verseuchten Branche nichts Ungewöhnliches ist. Sensationell mutete dagegen sein Geständnis an, in dem er ausführlich über Dopingpraktiken und beteiligte Ärzte auspackte. Normalerweise geben Ertappte maximal das zu, was ohnehin schon bekannt ist und belasten niemanden. Dann sitzen sie eine Sperre ab und steigen anschließend für einen anderen Rennstall wieder in den Sattel. Der frühere Tour-de-France–Favorit und Fuentes-Kunde Ivan Basso ist ein gutes Beispiel. Er fährt jetzt für die italienische Equipe Liquigas. Spitzenkräfte, die einen Job suchen und keinen finden, sind nicht bekannt. Außer Jörg Jaksche und – Patrik Sinkewitz.
Sinkewitz darf seit dem 18. Juli 2008 wieder starten. Doch die einzigen Routen, auf denen er sich jeden Tag drei, vier, fünf Stunden lang abstrampelt, sind seine bergigen Trainingsstrecken am Rande der Rhön. Im Oktober werden meistens die letzten Plätze in den Profiteams besetzt, doch der aussagewillige Deutsche hat bislang nur Absagen kassiert. Seine Chance, in der kommenden Saison doch noch irgendwo unterzukommen, sind fast auf null.
An einem sonnigen Herbsttag sitzt Sinkewitz in einem Café in Fulda. Morgens war er mit dem Mountainbike im Gelände unterwegs, jetzt wirkt er freundlich und gelassen, fast gleichmütig. Nur wenn er von seinen Erfahrungen mit den Leitern der Rennställe berichtet, wird er schnell wütend: "Alle Teamchefs reden vom sauberen Sport. Machen wir uns nichts vor. Wäre ich vor anderthalb Jahren zu denen gegangen und hätte gesagt: Hallo, ich bin 26 Jahre, habe meine Erfolge gehabt und weiß übrigens auch sonst, wie der Hase läuft - wie siehts aus mit einem Vertrag? Da hätten die meisten gesagt: Jawohl, so einen können wir gebrauchen."
Vermessen ist diese Einschätzung nicht. Sinkewitz zählte zu den besten deutschen Fahrern und gehörte zu jenen, die sowohl bei Eintagesrennen als auch bei langen Rundfahrten mit schweren Bergetappen vorn mitfahren konnten. Doch nach seinem Geständnis sind plötzlich alle Türen verschlossen.
"Jetzt bin ich 27 und koste nur noch ein Zehntel"
"Jetzt bin ich 27, sauber, motivierter als früher und koste nur noch ein Zehntel", sagt Sinkewitz bitter. Trotzdem heiße es immer wieder: "Oh, nee, schade. Wir haben gerade keinen Platz." Nicht einmal hat ihm jemand offen gesagt, dass sein Geständnis den Rückweg ins Peloton versperrt. Bei einem italienischen Team hieß es: Wir befürchten Probleme mit der deutschen Presse. In Spanien hatte angeblich der Sponsor sein Veto eingelegt. Die Franzosen hatten einfach so kein Interesse.
Michael Lehner, der Anwalt von Sinkewitz, räumte längst ein, dass er es keinem Mandanten mehr raten könne, als Kronzeuge aufzutreten. Lehner berät übrigens auch Stefan Schumacher, der vor wenigen Tagen mit einem positiven Epo-Test aufflog.
Selbst Teams, die nach außen offensiv gegen Doping antreten wie die US-Mannschaft Garmin Chipotle, gehen lieber in Deckung. "Der Garmin-Teamchef Jonathan Vaughters", so Sinkewitz, "hat mir im Frühjahr gesagt: Wir bleiben in Kontakt, das ist ja ein Unding, wenn so jemand keinen Job bekommt." Als der Deutsche später nachfragen wollte, ging Vaughters, der einst für Lance Armstrong fuhr, nicht mehr ans Telefon und antwortete auf keine E-Mail. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich das Garmin-Team nicht zu Sinkewitz' Anfrage.
Auch beim Team Milram, dem einzig verbliebenen deutschen Profi-Rennstall, war Sinkewitz zunächst angeblich ein Kandidat. Teamchef Gerry van Gerwen habe ihm versprochen: "Klar solltest Du eine zweite Chance bekommen - aber wir brauchen Sicherheiten vom Weltverband und von den großen Rennveranstaltern, damit da keine Probleme entstehen, wenn wir dich verpflichten." Sinkewitz besorgte sich alle geforderten Papiere - doch dann gab es keinen Platz mehr im Team.
Als SPIEGEL ONLINE Van Gerwen bei der Tour de France nach Sinkewitz fragte, erklärte der Niederländer ausführlich, dass man zwar die besten deutschen Fahrer verpflichten wolle, aber aus Prinzip nicht auf ehemalige Dopingsünder zurückgreifen werde. Das sei mit der notwendigen Glaubwürdigkeit nicht zu vereinbaren.
Schlechte Ausreden und gute Aussichten
Anfang September gab Milram die Verpflichtung des früheren Team-Telekom-Profis Christian Henn als Sportlicher Leiter bekannt. Henn, 44, hatte 2007 gestanden, früher mit Epo gedopt zu haben. Zu den Hintergründen sagte er kein Wort. 1999 war er bereits positiv auf Testosteron getestet worden - wie Sinkewitz. Henn packte allerdings nicht aus. Er führte an, zu einem Potenzmittel gegriffen zu haben, um seine Zeugungsfähigkeit zu steigern. Dann beendete er seine Karriere, wurde Vater zweier Söhne und erhielt umgehend einen neuen Posten als Rennleiter in einem Profiteam.
Sinkewitz verfügt dagegen weder über schlechte Ausreden noch über gute Aussichten. In seiner Verzweiflung hat er mittlerweile selbst beim umstrittenen russischen Katiucha-Team nachgefragt. Eine Antwort bekam er nicht. "Vielleicht habe ich die falsche Adresse", sagt Sinkewitz.
Es gibt wohl eher ein Problem mit dem Absender.
