17.11.2007 - Intrige oder Betrug
17.11.2007, Abendblatt
Ärzte Vorwürfe gegen hohen Funktionär
Intrige - oder falsch abgerechnet?
Antrag auf Amtsenthebung. Büchner weist Anschuldigungen zurück.
Von Ulf B. Christen
Bad Segeberg - Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) hat kein Glück mit ihren Chefs. Vor nicht einmal zwei Jahren trat Vorstandsboss Klaus Bittmann (64) nach einem Urteil wegen Betrugs zurück.
Jetzt laufen interne Ermittlungen gegen seinen Nachfolger Ralf Büchner (49): Der Hausarzt aus Klanxbüll (Nordfriesland) soll unter anderem falsch abgerechnet haben. Büchner bestreitet das.
"Der Beirat der Kassenärztlichen Vereinigung prüft alle Vorwürfe", sagte KV-Sprecherin Esther Seemann. In drei Wochen sollen erste Ergebnisse vorliegen. Im Anschluss berät das höchste KV-Gremium, die Abgeordneten-Versammlung, ob Büchner seines Amtes enthoben wird. Ein solcher Antrag sei gestellt, sagte der KV-Chef, und zwar von seinen zwei Vorstandskollegen.
Büchner beteuert seine Unschuld. "Es ist absurd und infam, wenn mir vorgeworfen wird, die KV bei Abrechnungen bewusst betrogen zu haben."
Der Vorstandsvorsitzende (Jahresgehalt gut 200 000 Euro) schloss aber nicht aus, dass es im zweiten Quartal 2006 in seiner Praxis zu "Dokumentationsfehlern" gekommen ist.
Er habe damals nach dem Rücktritt Bittmanns als Vize-KV-Chef alle Hände voll zu tun gehabt, sich in seiner Praxis von Kollegen vertreten lassen.
"Ich habe kaum praktiziert."
Abgerechnet worden sei nach bestem Wissen und Gewissen.
Büchner lässt zugleich keinen Zweifel daran, dass er sich als Opfer einer KV-Intrige sieht.
Als der Vater von sechs Kindern im Oktober zu einem Kurzurlaub nach Südtirol fuhr, "wurde ich bei der KV in Bad Segeberg mit Küsschen verabschiedet". Bei seiner Rückkehr habe er erfahren, dass es ein Amtsenthebungsverfahren gebe, weil er angeblich nicht teamfähig sei. "Ich war völlig überrascht."
Im Zuge der Palastrevolte habe man auch seine Abrechnungen überprüft.
"Die sind in den Keller gegangen, haben sich alle Sachen angeguckt nach der Devise, der Büchner muss weg." Fakt ist, dass bei der Plausibilitätskontrolle Ungereimtheiten entdeckt wurden.
So soll Büchner Patienten in Klanxbüll zu einem Zeitpunkt behandelt haben, als er für die KV (4400 Kassenärzte) andernorts unterwegs war. Wie gravierend die möglichen Fehler sind und um welche Summen es geht, ist unklar.
Einen Rücktritt lehnte Büchner ab. "Ich kann nicht einfach kneifen." Er wolle sich den Vorwürfen in der Abgeordnetenversammlung stellen und mit denen reden, die seinen Führungsstil kritisieren. "Es ist richtig, dass ich mich für alles zuständig fühle", räumte Büchner ein. "Ich bin aber bereit, mich zu ändern."
Für seinen Vorgänger Bittmann gab es kein Pardon. Der Plöner Frauenarzt hatte über Jahre Untersuchungen von einem fremden Labor vornehmen lassen und sie bei der KV als eigene Leistungen abgerechnet. 2005 wurde er zu einer Geldstrafe von 94 000 Euro verurteilt. Bittmann war sich keiner Schuld bewusst und trat als KV-Chef erst ab, als der Bundesgerichtshof es im Frühjahr 2006 ablehnte, den Schuldspruch zu überprüfen.
