06.03.2008 - Wirtschaftskriminalität im Norden besonders hoch
06.03.2008, Abendblatt
Norden Hoher Schaden
Jede zweite Firma Opfer von Kriminellen
Betrug, Unterschlagung und Produktpiraterie sind die häufigsten Delikte. Nur jedes dritte Unternehmen in Deutschland ist dagegen versichert.
Von Beate Kranz
Hamburg - Die Täter wirken oft vertrauenswürdig und seriös: Es sind Manager in gehobener Position, im Durchschnitt 44 Jahre alt und seit mehr als sieben Jahren in einem Unternehmen angestellt.
Gleichwohl ist es genau dieser Männertyp, der seinem Arbeitgeber gefährlich werden kann. "Allein in Norddeutschland wurden im vergangenen Jahr 56 Prozent der Unternehmen durch Wirtschaftskriminelle geschädigt.
Mehr als die Hälfte der Täter kam aus dem eigenen Unternehmen, davon 20 Prozent aus dem "Topmanagement", nennt Steffen Salvenmoser von PricewaterhouseCoopers (PwC) das Ergebnis einer Studie zur Wirtschaftskriminalität.
Damit schneidet der Norden schlechter ab als der Bundesschnitt: Deutschlandweit gaben bei der Befragung von 1166 Firmen nur 49 Prozent der Unternehmen an, dass sie durch Kriminelle geschädigt wurden, weltweit sind es sogar nur 43 Prozent.
Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC schätzt, dass durch Wirtschaftskriminalität 2007 den Firmen bundesweit ein Schaden von gut sechs Milliarden Euro entstanden ist, davon entfielen 2,3 Milliarden Euro auf Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen, wie eine Regionalauswertung ergab.
Der durchschnittliche Schaden pro Fall lag im Norden bei 926 000 Euro, in Deutschland bei 1,51 Millionen Euro. Nur jede dritte Firma ist dagegen versichert.
Warum die Kriminalitätsrate im Norden größer als in anderen Teilen Deutschlands ist, dafür gibt es keine eindeutige Ursache, sagt der Kriminalitätsexperte und Staatsanwalt a. D. Salvenmoser dem Abendblatt:
"Ein Grund kann die hohe Exportorientierung der Firmen sein. Im Ausland sind häufig Produktpiraterie und Korruption größere Probleme." Gleichzeitig sei der Einzelhandel im Norden besonders stark - eine Branche, die besonders häufig von Wirtschaftskriminalität betroffen ist.
Die Zahlen seien zugleich aber auch nur eine Annäherung an die Realität. "Die Dunkelziffer im Bereich der Wirtschaftskriminalität dürfte noch deutlich höher liegen, da viele Fälle erst gar nicht zur Anzeige gebracht werden," so Salvenmoser.
"Viele Unternehmen trennen sich von kriminellen Mitarbeiter im Stillen, um einen weiteren Imageschaden in der Öffentlichkeit zu vermeiden."
In der Praxis gelte: Je höher die Position eines Täters, desto seltener wird die Person angezeigt. Firmen fürchten, dass sie für das Fehlverhalten ihres Mitarbeiters mitverantwortlich gemacht werden.
Generell fallen unter Wirtschaftskriminalität Schäden, die Unternehmen durch Mitarbeiter oder Geschäftspartner entstehen. Am häufigsten werden Unternehmen im Norden durch Betrug und Unterschlagung (40 Prozent) geschädigt - bundesweit liegt der Satz bei 33 Prozent.
Danach folgen Schädigungen durch Produktpiraterie und Industriespionage (20 Prozent), Geldwäsche (zehn Prozent), Korruption (neun Prozent) und Falschbilanzierung (fünf Prozent).
Zwei Drittel aller Fälle kommen durch "Kommissar Zufall" ans Licht. Manchmal landen Tipps über Verdächtige via eines anonymen Briefes beim Vorstand.
Viele Unregelmäßigkeiten werden entdeckt, wenn der Täter im Urlaub ist. Zu den Klassikern zählen Einkäufer, die sich von Lieferanten für die Auswahl bestimmter Produkte bestechen lassen. In der Regel fließen dabei fünf bis zehn Prozent der Auftragssumme, so Salvenmoser.
Einige Manager hübschen die Bilanzen einer Tochterfirma gegenüber dem Mutterkonzern auf, damit ihnen Provisionen nicht entgehen, andere stellen Scheinrechnungen aus.
Zahlreiche Delikte ließen sich über die Durchforstung von Computern nachweisen, da viele Täter per E-Mail verkehren. Nur selten jedoch stößt die interne Revision auf Delikte.
, noch offener mit Wirtschaftskriminellen in ihren Unternehmen umzugehen.
"Nur wenn Fehlverhalten konsequent bestraft wird, kann es zu einer Änderung der Firmenkultur kommen."
Im Norden stellen immerhin schon 71 Prozent der Unternehmen bei solchen Fällen Strafanzeige - bundesweit sind es nur 57 Prozent, so Salvenmoser: "Statt Aufhebungsvertrag und Abfindung muss das Null-Toleranz-Prinzip gelten.
Und das heißt: Anzeige, Schadenersatz und fristlose Kündigung."
