14.12.2007 - Mitarbeiter: "Wenn der Preis stimmt, sind fast alle käuflich"
14.12.2007, Süddeutsche Zeitung
Mitarbeiterkriminalität
"Wenn der Preis stimmt, sind fast alle käuflich"
Viele Angestellte nehmen mal etwas aus der Firma mit - Kulis, Locher, Briefpapier. Wenn Mitarbeiter Gelegenheit zum Klauen haben, werden sie fast alle schwach.
Von Julia Bönisch
Der Locher zu Hause ist kaputt. Da nimmt man eben den eigenen vom Schreibtisch mit heim und bestellt bei der Sekretärin einen neuen fürs Büro. Ist das schon Diebstahl?
Die gepolsterten Briefumschläge, mit denen man die Privatpost verschickt, der Stapel Druckerpapier fürs Büro daheim, Notizblock und Kugelschreiber - eigentlich alles Kleinigkeiten. Doch laut Gesetz ist all das verboten und strafbar.
Tatsächlich wird es jedoch kaum einen Unternehmer oder Chef geben, der deshalb rechtliche Schritte einleitet oder einen Mitarbeiter entlässt.
Zu einer unangenehmen Abmahnung könnte es zwar kommen, doch wirklich ernsthafte Konsequenzen haben solche "Kavaliersdelikte" nicht.
Hier herrscht Gewohnheitsrecht: Fast jeder lässt mal Kleinigkeiten mitgehen, das ist doch nicht so schlimm, denken sich viele.
Korruption im eigenen Haus ist schlecht fürs Image
Die meisten Firmen schreiten bei Mitarbeiterkriminalität erst dann ein, wenn nennenswerte Summen im Spiel sind.
Dabei muss es nicht immer um korrupte Manager und Unterschlagung von Geld gehen, wie etwa im Fall Siemens.
Auch das Mitgehenlassen fertiger Produkte aus der Lagerhalle oder vom Fließband schädigt Unternehmen enorm.
So durchsucht bei einem großen deutschen Haushaltsgeräte-Hersteller der Werkschutz die Taschen der Arbeiter bei Schichtende.
Andernfalls würden Rasierapparate, Föne und elektrische Zahnbürsten gleich Kiloweise verschwinden.
Solches Mitarbeiterverhalten verursachte im Jahr 2006 nach der Statistik des Bundeskriminalamts in Wiesbaden finanzielle Schäden von 4,3 Milliarden Euro.
Nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers ist jedes zweite deutsche Unternehmen Opfer von Mitarbeiterkriminalität, doch in Wahrheit könnte das Ausmaß weit größer sein.
Viele Delikte werden erst gar nicht entdeckt - und wenn doch, muss das Unternehmen auch dazu bereit sein, sie zu melden. Korruption im eigenen Haus ist nicht gut fürs Image.
Mitarbeiter werden dann kriminell, wenn drei Faktoren gleichzeitig gegeben sind:
Der Mitarbeiter muss die Gelegenheit zum Diebstahl haben, er muss erkennen, dass dabei für ihn etwas herausspringt, und er muss die Tat auch im Nachhinein noch vor sich rechtfertigen können.
"An den Faktoren Gelegenheit und Anreiz können Unternehmen ansetzen, um Mitarbeiterkriminalität zu verhindern", sagt Birgitta Wolff, Professorin für Internationales Management an der Uni Magdeburg.
Mit dem Einsatz von Videokameras zur Überwachung etwa ließen sich etwa gute Kontrollmöglichkeiten schaffen.
Bei Vertragsabschlüssen empfiehlt sie das Vier-Augen-Prinzip:
Abgesehen vom Vertragspartner sollten aus dem Unternehmen immer zwei Leute dabei sein, um Mauscheleien zu verhindern.
Auch das Rotationsprinzip innerhalb des Unternehmens helfe. Dabei wechselt die Zusammensetzung von Teams oder Büros.
"So entwickeln sich keine Vertraulichkeiten. Wenn Mitarbeiter sich zu gut kennen, kann ein Klima entstehen, in dem der eine den anderen deckt."
Anreize für Diebstahl könne man durch eine faire, leistungsgerechte Bezahlung mindern.
"Bisherige Studien zeigen, dass entweder Angestellte kriminell werden, die erst seit kurzem in einem Unternehmen beschäftigt seien, oder solche, die schon besonders lang dort arbeiten."
Bei Ersteren bestehe noch keine Bindung zur Firma. "Bei der zweiten Gruppe herrscht häufig das Denken: 'Keiner kümmert sich um mich, jetzt sehe ich eben selber zu, wo ich bleibe.'"
Dabei legt Wolff Wert darauf, dass nicht nur die einzelnen Mitarbeiter für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden - der Fehler liege im System.
"Wenn die Kasse 20 Jahre vor einem steht, und abends zählt nie jemand nach, dann greift man im 21. Jahr vielleicht doch mal rein. Davor ist niemand gefeit."
Deshalb steht Wolff Tests zur Korruptionsfähigkeit Einzelner, wie sie auch von Personalabteilungen angewandt werden, skeptisch gegenüber.
"So etwas kann man nicht testen. Wenn der Preis stimmt und das System es erlaubt, sind fast alle käuflich."
