leinenlos / Demo- gegen Autokraten / Korruption / Wirtschaftskorruption / 15.10.2007 - Jeder zweite Täter ist eine Führungskraft



15.10.2007 - Jeder zweite Täter ist eine Führungskraft

15.10.2007, FOCUS
Wirtschaftskriminalität
Milliardenschaden durch Betrügereien

Spionage, Produktpiraterie und Korruption kosten deutsche Unternehmen jährlich sechs Milliarden Euro. Viele der Täter sind Mitarbeiter.
Von FOCUS-Money-Redakteur Helmut Achatz
Bakschisch für kleine Gefälligkeiten

Fast schon an der Tagesordnung sind bei vielen deutschen Firmen Fälle von Spionage oder Unterschlagung. Etwa jedes zweite Unternehmen ist betroffen, so eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Dabei ist das wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs: Viele Straftaten bleiben unentdeckt. Die sechs Milliarden Euro Schaden, die die befragten Unternehmen angaben, stellen nach Ansicht von PwC die Untergrenze dar. Tatsächlich dürfte der Schaden weit größer sein.

Angezeigt wird nur jede dritte entdeckte Straftat, bei Korruption schalten deutsche Unternehmen nach Erfahrung des ehemaligen Staatsanwalts und heutigem Partner bei PwC, Steffen Salvenmoser, sogar nur in jedem zweiten Fall die Justiz ein.

Offenbar sei die Sorge um den Ruf des Unternehmens ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung. Enttäuscht zeigen sich viele Unternehmen über die juristische Praxis, denn nur die Hälfte der angezeigten Täter wird auch verurteilt.

Produktpiraterie beliebt in China

Am meisten zu befürchten haben deutsche Unternehmen in Schwellenländern wie China, Russland, Indien, Indonesien, Brasilien, Mexiko und der Türkei. Der finanzielle Schaden je Delikt sei dort beinahe dreimal so hoch wie im weltweiten Vergleich, so Salvenmoser.

Allgemein betrachtet hat jede Region bestimmte Vorlieben für Betrügereien. Ausländische Mitarbeiter aus Westeuropa und Afrika fallen vor allem durch Unterschlagung und Betrug auf.

Bilanzfälscher kommen, so die PwC-Studie „Wirtschaftskriminalität 2007“, ebenfalls bevorzugt aus diesen Regionen. Es dürfte nicht sonderlich verwundern, dass sich Chinesen in der Wirtschaftskriminalstatistik insbesondere durch Produktpiraterie hervortun.

Nach Einschätzung von PwC-Expertin Claudia Nestler sind deutsche Unternehmen zu lasch bei der Kriminalitätsbekämpfung: „Im Ausland werden strafbare Handlungen viel häufiger durch systematische Kontrollen aufgedeckt.“ Vor allem in Schwellenländern seien Deutsche zu sorglos.

Für mehr Kontrollen und stärkere Präventionen spreche auch, dass annähernd jede zweite Straftat von den Beschäftigten des eigenen Unternehmens begangen werde. Die übrigen Täter seien Kunden, Lieferanten und Geschäftspartner.

Der typische Wirtschaftskriminelle in Deutschland ist der PwC-Studie zufolge ein Mann, zwischen 30 und 50 Jahre alt und seit mehr als sechs Jahren im Unternehmen beschäftigt.

Knapp ein Drittel der Täter ist sogar schon länger als zehn Jahre angestellt gewesen. Etwa 20 Prozent der Betrüger kommen aus dem gehobenen Management, weitere 25 Prozent aus der mittleren Führungsebene.

Top-Manager, denen Betrügereien nachgewiesen wurden, müssen laut PwC-Statistik in Westeuropa deutlich seltener mit einer Strafanzeige rechnen als Führungskräfte aus dem mittleren Management.

In einigen Fällen werde sogar auf interne Sanktionen wie Abmahnung, Kündigung oder Versetzung verzichtet. Beim mittleren Management greife die Firmenleitung jedoch härter zu.

In einigen Ländern, vor allem in Russland, Mexiko, Brasilien, aber auch in China und der Türkei wird oft um Bakschisch gebeten. Wer nicht bereit ist, Entscheidungsträger zu schmieren, verliert Aufträge.

Aber auch in westeuropäischen Ländern, Deutschland eingeschlossen, wird gelegentlich Schmiergeld erwartet – und gezahlt.

Die bekannt gewordenen Fälle bei Siemens, Daimler und Volkswagen belegen das anschaulich. Die Experten von PwC gehen davon aus, dass in Deutschland kein Wirtschaftszweig frei von Korruption und Bestechung ist.

Betrug als Hauptproblem

Schmiergeldskandale spielen in der Wirtschaftskriminalitätsstatistik jedoch eine eher untergeordnete Rolle: Korruptionsschäden entdeckten zehn Prozent der von PwC-Befragten (2003/2004: 9 Prozent, 2001/2002: 6 Prozent).

Weit gravierender sind Unterschlagung und Betrug: Immerhin jedes dritte Unternehmen berichtete von entsprechenden Fällen. An Bedeutung gewonnen haben Produktpiraterie und Industriespionage:

In den Jahren 2005 und 2006 stieg der Anteil in der Statistik auf 18 Prozent, im Vergleich zu 13 Prozent im Zeitraum 2003/2004 beziehungsweise 8 Prozent 2001/2002.