20.03.2008 - Manipulation an den Börsen
20.03.2008, SPIEGEL ONLINE
FINANZKRISE
Millionenpoker mit Gerüchten - wie ein Flüstern die Börsen erbeben lässt
Von Susanne Amann
Keiner glaubt niemandem: Die Angst an den Börsen ist inzwischen so groß, dass selbst abstruse Gerüchte mehrstellige Millionensummen vernichten.
Händler streuen gezielt Unwahrheiten, um Kasse zu machen. Der Staat hat bisher kaum eine Chance, diese Maschinerie der Manipulation zu stoppen.
Hamburg - 20 Minuten sind extrem kurz, aber lang genug, um mehrere Hundert Millionen zu vernichten. Nur so lange dauerte es am Mittwoch, den Aktienkurs der englischen Hypothekenbank HBOS Chart zeigen abstürzen zu lassen: 20 Minuten nach Handelsbeginn war die Aktie schon 3,5 Prozent im Minus, eine Stunde später gar um 17 Prozent - ein Wertverlust von rund 3,8 Milliarden Euro.
Passieren konnte das, weil ein Händler Berichte über angebliche Liquiditätsprobleme der Bank gestreut haben soll.
Die Falschmeldungen verbreiteten sich in Windeseile - und sorgten dafür, dass nervöse Aktionäre das Vertrauen verloren und die Bank-Papiere verkauften. Da half es auch nicht mehr viel, dass HBOS verzweifelt bei Journalisten und Nachrichtenagenturen die Probleme dementierte.
Der Erfinder der Falschmeldung musste wissen: Finanzmärkte reagieren extrem sensibel auf Gerüchte - selbst dann, wenn sie sich nicht wirklich verifizieren lassen.
"Wo Rauch ist, ist meistens auch Feuer", erklärt Fidel Helmer, Wertpapierhandelschef der Privatbank Hauck & Aufhäuser. "Sehr oft ist an den Gerüchten was dran" - auch wenn das Ergebnis dann am Schluss vielleicht nicht ganz so dramatisch ausfalle wie befürchtet.
"Momentan sind solche Gerüchte ein gefundenes Fressen, weil an den Märkten keiner mehr irgendjemandem vertraut", sagt auch Hendrik Leber, Anlageberater für Investmentfonds.
Gerüchte gehören zum Geschäft
Gerüchte gehören an den Börsen seit langem zum täglichen Geschäft - doch sie breiten sich immer schneller aus. "Sie kommen häufig aus dem angelsächsischen Bereich, weil das einfach die wichtigeren Finanzplätze sind", sagt Börsen-Kenner Helmer.
"Wir hier in Deutschland glauben das dann, weil wir davon ausgehen, dass die dort mehr wissen."
Am Telefon oder direkt über den Schreibtisch werden Dinge erzählt, von denen man gehört hat. "Manches wird dann nur halb verstanden, die Dinge verbreiten sich inzwischen sehr schnell."
Wer einen Kurs in die Höhe oder nach unten treiben will, hat vielfältige Möglichkeiten. "Jeder Händler hat ein Netzwerk von Kollegen, mit denen er in Kontakt steht", erklärt Dirk Braun von der RWTH in Aachen, der sich mit Entscheidungsforschung und Finanzdienstleistungen beschäftigt.
"Da kann man im Gespräch gezielt einen Halbsatz fallen lassen, der Spielraum für vielfältige Interpretationen lässt."
Wenn die richtigen Leute das Gerücht weitererzählten, sei es schon in der Welt: "Es gibt immer zwei, drei Leute, die gut als Kommunikatoren funktionieren, weil sie als besonders seriös gelten."
"Im Internet wird viel zusammengeschwätzt"
Sicherheitsmaßnahmen helfen da nicht immer, sind manchmal sogar kontraproduktiv: So gibt es zwar in Unternehmen die sogenannten Chinese Walls, die Mitarbeitern unterschiedlicher Abteilungen verbieten, Informationen auszutauschen.
So darf beispielsweise die Kreditabteilung nicht mit dem Handel sprechen. "Wenn ein Händler dann aber fallen lässt, er habe ein Gespräch am Nachbartisch aus eben einer solchen Abteilung mitgehört, wird das Gerücht gleich interessanter - egal ob es stimmt oder nicht", sagt Braun.
Genutzt werden außerdem Chats und Communitys, in denen sich nicht nur Privatpersonen, sondern auch Händler und Analysten über aktuelle Marktentwicklungen unterhalten. "Das wurde vor allem bei kleineren Börsengängen und zu Zeiten der New Economy häufig genutzt", sagt Braun.
Der Nachteil: "Relativ wenige Leute können den Kurs einer Aktie beeinflussen." Und das unabhängig davon, wie hoch der Wahrheitsgehalt der geposteten Nachrichten ist: "Da im Internet wird viel zusammengeschwätzt", sagt auch der Anlageberater Leber.
Dass Gerüchte den Markt so nachhaltig beeinflussen können wie im Fall der HBOS, hält Aktien-Experte Helmer für eine Ausnahmeerscheinung. "In Deutschland können Händler kein Gerücht in die Welt setzen, das die Märkte so verändert - dafür habe wir schlicht nicht die Kraft."
"Finanzsystem reagiert hysterisch"
Klar ist aber auch: Selten reagieren die Märkte so empfindlich wie momentan. "Basisdaten von Unternehmen spielen derzeit quasi keine Rolle mehr", sagt Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bremen. Das Finanzsystem reagiere hysterisch auf Gerüchte, die rational gar nicht nachzuvollziehen seien. "Was da passiert, ist ökonomisch völlig irrational."
Bleibt die Frage, inwiefern es strafbar ist, diese Nervosität auszunutzen - und aus volatilen Aktienkursen Profit zu ziehen. "Klassisches Insiderverhalten, wenn also jemand vorab Informationen kennt, die den Aktienkurs beeinflussen, ist strafbar", sagt Hickel. Bei Gerüchten sei dies schwieriger: "Strafrechtlich ist das kaum zu ahnden." Man müsse erstmal nachweisen, dass Fehlinformationen bewusst und mit einer bestimmten Absicht gestreut worden seien.
Bei der Finanzaufsicht BaFin ist man sich der Schwierigkeit durchaus bewusst: "Es ist verboten, unrichtige oder irreführende Angaben über Umstände zu machen, die für die Bewertung einer Aktie erheblich sind", sagt BaFin-Sprecherin Anja Neukötter. Allerdings sei es oft schwierig, an den Urheber eines Gerüchtes heranzukommen.
Das aber ist extrem schwierig - gerade weil so viele Menschen an der Kommunikation beteiligt sind. Jeder hat etwas gehört, am Nebentisch, am Telefon, hat es irgendwo gelesen. "Und zum Schluss", sagt Aktienhändler Helmer, "weiß keiner mehr, wo das Gerücht eigentlich herkam."
