leinenlos / Demo- gegen Autokraten / Sex und Korruption / 04.04.2007 - Agypten: Sex in Zeiten der Diktatur



04.04.2007 - Agypten: Sex in Zeiten der Diktatur

04.04.2008, ZEIT
Sex in Zeiten der Diktatur
Von Tomas Niederberghaus

In Alaa al-Aswanis Roman »Der Jakubian-Bau« wird ein Wohnkomplex zum Spiegelbild der ägyptischen Gesellschaft. Aber wie ist die Wirklichkeit hinter dem Buch? Ein Hausbesuch in Kairo.

»Auf dem Dach entstand eine neue, vom übrigen Gebäude völlig unabhängige Gesellschaft. Die Frauen verbringen den Tag damit, Essen zu kochen, miteinander zu streiten und dabei die hässlichsten Flüche und ehrenrührigsten Verdächtigungen auszustoßen.

Die Männer kümmern sich wenig um die Zänkereien der Frauen. Sie halten diese lediglich für einen weiteren Beweis des mangelhaft ausgebildeten weiblichen Gehirns.«

(Aus Alaa al-Aswanis Roman »Der Jakubian-Bau«)

Monsieur Ibrahim lässt nicht mit sich verhandeln. Er zieht seine Kopfbedeckung noch tiefer hinunter, bis zum Ansatz der Ohren, sodass diese fast waagerecht vom Kopf abstehen. Es ist, als wolle er damit sagen:

»Ich möchte nun nichts mehr hören. Sie mögen von weither angereist sein, um dieses Haus zu betreten und seine Bewohner zu befragen. Aber ich bin der Concierge, und meine Pflicht ist es, keinem Journalisten Einlass zu gewähren.«

Denn viele Reporter aus Amerika und Frankreich und Holland und Italien standen bereits vor ihm, Monsieur Ibrahim, schmales Gesicht, graue Bartstoppeln, Tränensäcke, ein Gebiss, das keinen Zahnarzt kennt, und sie haben versucht, mit einem Bakschisch sein Vertrauen zu erobern und sich damit in dieses Haus, das mitten in Kairos Altstadt steht, einzuschleichen.

Er sei standfest geblieben, sagt er, immer, er wolle seinen Job nicht aufs Spiel setzen, zu heikel sei die Geschichte, die sich in dem Roman Der Jakubian-Bau um dieses Haus und in ihm rankt.

Aber ist nicht auch das eine Botschaft des Romans: dass im korrupten Land Ägypten ein Nein immer auch »also gut« heißen kann? Dass alles möglich ist, selbst Liebe und Sex in eigenwilligsten Spielarten, sofern die kleinen Geschenke nur groß genug ausfallen?

Vielleicht muss man wirklich auf die Gunst des richtigen Augenblicks hoffen, um an Monsieur Ibrahim vorbeizueilen, zum Beispiel dann, wenn er sich mit den ein und aus gehenden Bauarbeitern unterhält. Denn er bleibt eisern.

Und sagt: Der Autor des Romans, Alaa al-Aswani, habe Ägypten und seine Menschen »beschämt«. Gelesen habe er das Buch nicht, aber er habe von dem Inhalt gehört.

Von Taha, dem Sohn des Hausmeisters, der an der Universität in die islamistische Terrorszene abgleitet. Von Hâtim Raschîd, dem schwulen Chefredakteur der französischen Zeitschrift Le Caire, und seiner scheiternden Liebe zu einem jungen, verheirateten Soldaten.

Von dem korrupten Politiker Kamâl al-Fûli und von Saki Bey al-Dassûki, einem Lebemann, der tagaus, tagein Frauen, Alkohol und »lustige Zigaretten«, also Haschisch, genießt.

Das Buch Der Jakubian-Bau hat sich in Ägypten verkauft wie kein anderes je zuvor, über 150000-mal. Inzwischen wurde es aufwendig verfilmt, volle Kinos, Einspielergebnis in den ersten zwei Wochen umgerechnet 1,4 Millionen Euro – nicht zur Freude ägyptischer Parlamentarier, die den Film wegen der Darstellung von Polizeiwillkür, Korruption und Sex außerhalb der Ehe zensieren wollten.

Was den Roman, der jetzt auf Deutsch erschienen ist (im Lenos Verlag, siehe ZEIT Nr. 11/07), was ihn auch in Frankreich, England und Italien erfolgreich gemacht hat, ist sicher nicht seine ästhetische Qualität, es ist keine große Literatur, sondern ein in westlicher Soap-Manier gezeichneter Mikrokosmos der ägyptischen Gesellschaft.

Al-Aswanis Protagonisten sind zumeist gescheiterte Existenzen in einem autoritären Regime. Sie alle wohnen mit ihrer Exzentrik und Eigenheit, mit ihrer Bestechlichkeit und ihrer Verzweiflung und Verirrung in diesem sechsstöckigen Haus, das der Armenier Hagop Jacoubiân im Stil des Art déco bauen ließ.

Abgasgraue Fassade mit zwei turmartigen Vorsprüngen, links ein riesiges Werbeplakat für Brautmoden, Balkons mit und ohne Wäsche.

»Ihre einzige Aufgabe bestand darin, sich von diesem alten Mann bespringen zu lassen, der sie jeden Tag erklomm und ihr mit seiner erschöpft baumelnden Impotenz und der Berührung seines wabbeligen, widerlichen Körpers den Atem nahm.«

Wenn man es tatsächlich ins Jakubian-Haus geschafft und alles hinter sich gelassen hat, die Schaufenster der umliegenden Geschäfte, in denen sich Büstenhalter und Schuhe und falsche Markenhemden stapeln, den ohrenbetäubenden Krach des Verkehrs, sechs Millionen Fahrzeuge in Kairo und scheinbar alle Fahrer gleichzeitig mit dem Finger auf der Hupe, dann steht man zum Beispiel in der obersten Etage vor einer Wohnungstür, die nach kurzem Klingeln von zwei zauberhaften älteren armenischen Damen geöffnet wird.

Die beiden tragen an diesem Nachmittag Morgenmäntel, rubinrot und hellblau. Mit ihrem kastanienbraun gefärbten Haar und dem faltigen Gesicht könnte die Ältere ideal die Schwester des Lebemannes Saki Bey abgeben, von der es im Roman heißt, »ihre Füße steckten in Pantoffeln in der Form weißer Kaninchen«.

Ein Produzent hat sie gefragt, ob sie für die Verfilmung des Romans ihre Wohnung zur Verfügung stellen – und bei der Gelegenheit auch mal selbst vor die Kamera treten wollten. »Natürlich hat man abgelehnt«, sagt die Hellblaue in gepflegt artikuliertem Französisch.

»Wissen Sie, wir kennen diesen Herrn Aswani gar nicht, wir haben ihn nicht einmal gesehen, obwohl er jahrelang eine Zahnarztpraxis hier im Haus hatte, verstehen Sie, wir haben mit dem Buch nichts zu tun, aber ich muss sagen, dass das Buch viel mit dem zu tun hat, was in dieser Stadt und in diesem Land passiert.«

Alaa al-Aswani arbeitet nach wie vor als Zahnarzt. Seine Praxis liegt in Garden City, kurze Luftlinie von der Altstadt, aber eine Odyssee im Autogewirr Kairos, 18 Millionen Einwohner, dagegen nimmt sich Berlin aus wie eine verkehrsberuhigte Zone.

Der Taxifahrer beruhigt sich im Stau mit Pornobildern auf seinem Handy. Er zeigt sie stolz. »Sex and marihuana, wonderful«, sagt er, und er liefert damit einen Einstieg für das Interview mit Alaa al-Aswani.

Schließlich stößt man in dem Roman immer wieder auf gleitcremeglitschige Beschreibungen, etwa die vom »frischen, weichen Hintern, bebend, als erwartete er seinen Überraschungsangriff von hinten«.

»Sex ist ein Lieblingsthema in meinem Leben und in meinen Büchern«, sagt al-Aswani, der in zweiter Ehe verheiratet ist und drei Kinder hat. Später wird er auf »Sex als eine Art menschliche Sprache« noch genauer eingehen.

Er wird sagen, dass »die Bewegung beim Sex ein Mittel zur Kommunikation ist, genauso wie die gesprochene Sprache und das Schweigen«.

Zunächst möchte er aber betonen, dass »alle Charaktere in dem Buch reine Fantasie sind«. Al-Aswani hat den deutschen Reporter im Behandlungszimmer seiner Zahnarztpraxis empfangen, in dem auch ein kleiner Schreibtisch mit allerlei Nippes steht, Plastikrose, Spielzeugsphinx, Kupferteller, dazwischen eine ägyptische Ausgabe seines Buches.

Er trägt ein braunes Tweedsakko, wirkt angespannt, zündet sich alle sieben Minuten eine neue Zigarette an. Und er scheint es nicht so zu mögen, wenn man als Interviewer nachbohrt.

Auf die Frage, ob er bereits Klagen erhalten habe, weil sich, was in Kairo zu hören ist, Personen wie etwa der korrupte Politiker in seinem Roman wiedergefunden haben, antwortet er: »Angesichts der Folter und Misshandlungen, die Menschen in diesem Land zu erleiden haben, sind meine Probleme gering.«

»Die Zahl der Schwulen nimmt drastisch zu. Einige von ihnen sitzen inzwischen auf leitenden Posten im Land, obwohl wissenschaftliche Studien klar belegen, dass ein Homosexueller wegen der psychischen Störungen, die durch die Homosexualität bewirkt werden, nicht für eine Führungsposition geeignet ist.«

Mag sich al-Aswani auch auf seine Fantasie berufen, seinen Roman zu lesen ist, wie in einem Kinosaal zu sitzen, in dem das Licht nicht erlischt, während der Film läuft.

Realität und Fiktion vermischen sich auf eigenwillige Weise. Der Jakubian-Bau zum Beispiel wird, abgesehen von der Anzahl der Stockwerke, detailgenau beschrieben:

der Aufzug und der von Neonlicht beleuchtete und innen über der Eingangstür mit lateinischen Lettern eingravierte Name »Jakubijân«. Und die Themen spiegeln sich im gesellschaftlichen Geschehen Kairos wider. Wenn al-Aswani von der Razzia in dem Homosexuellen-Club Chez nous schreibt und dessen Schließung, dann erinnert das sehr an den 11. Mai 2001:

Damals nahmen Sicherheitskräfte am frühen Morgen mehr als 50 Männer auf der schwimmenden Disco Queen Boat in Gewahrsam, Ärzte, Lehrer, Techniker.

Sie schlugen, fesselten und folterten sie. Und auch die Torturen, die al-Aswanis Protagonist, der Islamist und Hausmeistersohn Taha zu erleiden hat, spielen sich Tag für Tag in ägyptischen Gefängnissen ab.

Erst vor wenigen Wochen erschütterte ein Video die Kairoer Öffentlichkeit: Man sieht darin einen Taxifahrer, der in einen eher harmlosen Streit mit der Polizei geraten war.

Der junge Mann liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht, geschlossenen Augen, aufgerissenem Mund auf dem Boden, während er von Sicherheitskräften brutal misshandelt wird.

Schläge, Tritte, Elektroschocks – das gehört zum gemäßigten Tagesprogramm in den Gefängnissen des Landes.

Ungemäßigt hängt man die Insassen an ihren auf dem Rücken gefesselten Händen auf – an einen Deckenpropeller, der dann angestellt wird.

Al-Aswani geht zum Behandlungsstuhl und zündet sich eine weitere Zigarette an. Es klopft an der Tür, Männerstimmen im Hintergrund, sein junger hübscher Angestellter kündigt ein französisches Kamerateam an.

Seit Jahren schreibt al-Aswani regelmäßig für Oppositionszeitungen. Er gehört der Gruppe Kefaja (zu Deutsch etwa: »Jetzt reicht’s«) an, die heftige Kritik an der Regierung übt.

Dass sein Roman in Ägypten für so viel Wirbel gesorgt hat, mehr als jeder seiner Artikel, liegt daran, dass Folter und Fanatismus sowie Korruption und Sittenverfall plötzlich Gesichter und Namen und eine Geschichte bekommen haben. Al-Aswani sagt:

»Im Gegensatz zu den 112 Abgeordneten, die gegen die Verfilmung des Buches protestierten, haben die Muslimbrüder die Petition seinerzeit nicht unterzeichnet. Die Kritik am Regime war ihnen wichtiger als die Darstellung der Homosexualität.«

Der schwule Chefredakteur trägt im Roman einen »rosa-roten Kashmirbademantel«, wenn er sich zum Frühstück mit seinem jungen Soldaten hinsetzt. Den hält er nicht nur von seinen Pflichten als Ehemann ab, sondern versucht ihn mit Geld hörig zu machen.

Das hat in etwa das Niveau von Hedwig Courths-Mahler für Homosexuelle, und möglicherweise verschärft es Vorurteile eher, statt sie aufzulösen. Vielleicht hat die Muslimbrüderschaft deshalb darüber hinwegsehen können.

Obendrein ist das Thema Homosexualität eines der wenigen, bei dem die weltliche Regierung einen Pakt mit den mächtiger werdenden Islamisten schließen kann:

Es bietet ihr die Chance, sich angesichts einschleichender westlicher Stimmungen als nationalistisch zu profilieren. Ein merkwürdiger Spagat:

Um Unterstützung aus dem Westen zu bekommen, geht die Regierung andererseits in groß angelegten Polizeiaktionen gegen die Islamisten vor – und diese rekrutieren sich aus den Muslimbrüdern.

»Egal, welche Partei in Ägypten Wahlen durchführt – solange sie an der Macht ist, wird sie gewinnen, denn der Ägypter muss die Regierung bestätigen. So hat Gott ihn geschaffen.«

»Ich bin Mediziner«, sagt al-Aswani, »ich weiß zwischen Krankheit und Symptomen zu unterscheiden.

Unsere Regierung versucht uns davon zu überzeugen, dass der Terrorismus die Krankheit ist. Aber das ist er nicht.

Die Krankheit heißt Diktatur, sie führt zwangsläufig zu Komplikationen wie Korruption, Armut und Terror.

« Eine Folge der Diktatur sei, dass sich die ägyptische Gesellschaft zu einer »Als-ob-Gesellschaft« entwickelt habe. Der Präsident agiere, als ob er gewählt wäre, und das Parlament gebe vor, aus freien Wahlen entstanden zu sein.

Dieses Als-ob lässt sich auch im Alltag Kairos beobachten. Wer durch die Straßen der Altstadt läuft, dort, wo auch das Jakubian-Haus steht, wo früher Juden und Armenier und Franzosen und Italiener lebensfroh und tolerant den Alltag teilten, sieht man junge verschleierte Frauen, die in der Öffentlichkeit geradezu sittsam und konservativ auftreten. Sie haben scheinbar nichts mit Bouthaina aus al-Aswanis Roman gemein, die sexuellen Avancen nachgeht.

Im Café Groppi sitzen die Mädchen ihren jungen Liebhabern gegenüber wie Fremde. Das Café ist eines des ältesten in Kairo, Pilaster, Lüster, große Fenster zum Trottoir.

Erst wenn die Paare es verlassen und zum Nil hinuntergehen, beginnt ein neckisches Spiel der Liebe. Sie gehen dorthin, wo noch immer die Queen Boat liegt.

Ihr Name ist in grasgrünen Lettern geschrieben, das Schiff schwankt in den leichten Wellen der vorbeiziehenden Dampfer – so wie die Menschen, die den Vorstellungen der autoritären Regierung nicht entsprechen, keinen festen Boden unter den Füßen haben.

Alaa al-Aswanis Roman »Der Jakubian-Bau«, dem alle herausgehobenen Zitate entnommen wurden, ist im Lenos Verlag, Basel, erschienen. Das Buch hat 372 Seiten und kostet 19,90 €