leinenlos / Demo- gegen Autokraten / Sex und Korruption / 12.08.2008 - Sexskandal - Der Sumpf im eigenen Ich



12.08.2008 - Sexskandal - Der Sumpf im eigenen Ich

12.08.2008, Süddeutsche Zeitung
Eliot Spitzer
Der Sumpf im eigenen Ich

Der Rücktritt des New Yorker Gouverneurs Eliot Spitzer: Ein Psychologe erklärt, warum gerade Saubermänner immer wieder tief fallen.

Von Marcus von Landenberg

Als Kind ist es ihm erspart geblieben, erwischt zu werden. Dabei hat es der in einen Sexskandal geschlitterte New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer schon damals krachen lassen - auf dem Fußballplatz.

"Vollstrecker" nannte ihn seine Mannschaft. In einer Fernsehtalkshow schilderte Spitzer einmal, warum er diesen Titel zu Recht trug: "Ich war der Kerl, der die anderen rausgekickt hat. Dazu musst du hart und gemein spielen - und zusehen, dass du nicht erwischt wirst", erzählte er freimütig.

Er spekulierte auf einen Lacher im Publikum. Das nahm die Anekdote jedoch eher betroffen als einen der seltenen Einblicke in die Psyche des damals gefürchteten New Yorker Generalstaatsanwalts wahr.

Schadenfreudiges Gelächter gibt es derzeit stattdessen in der New Yorker Finanzwelt. Lauter denn je, seit Spitzer seinen Rücktritt angekündigt hat, weil er überführt wurde, mehrere zehntausend Dollar für die Dienste von Edelprostituierten bezahlt zu haben - und diese Geldströme vertuschen wollte.

Geldwäsche und Callgirls

Ausgerechnet Spitzer, der Sohn eines Immobilien-Tycoons, ausgebildet an den besten Universitäten Amerikas: Geldwäsche, Tarnkonten, teure Callgirls und Affären in der Finanzwelt - das ist genau der Sumpf, den er in den Jahren vor seiner politischen Karriere als Generalstaatsanwalt trockengelegt hatte.

Nun versinkt er selbst darin: Er erlag den Schwächen, die er bei anderen immer so rigoros angeprangert hatte, gerne auch öffentlich vor Gericht.

Den Münchner Wirtschafts- und Persönlichkeitspsychologen Tobias Constantin Haupt wundert dieser tiefe Fall nicht. "Man sollte immer skeptisch sein, wenn jemand seine eigenen moralischen Ansprüche in der Öffentlichkeit so übertrieben darstellt", sagt Haupt, der an der Ludwig-Maximilians-Universität forscht.

Das Phänomen sei in der Psychologie seit langem als "Reaktionsbildung" bekannt. "Menschen, die sich besonders deutlich gegen in ihren Augen moralisch Verwerfliches positionieren, fühlen sich unbewusst genau zu diesen Dingen hingezogen", erklärt der Psychologe. Doch die Erziehung und die Sozialisation während der Kindheit verhindere, dass sie ihre Neigungen später ausleben.

Stattdessen handelten sie ganz bewusst in die entgegengesetzte Richtung. "Häufig zieht es sie dabei in die Öffentlichkeit, um von allen Seiten die Bestätigung zu bekommen, dass sie auf der guten, der erlaubten Seite stehen."

Das Problem: Der abgespaltene, unterbewusste Drang verschwindet nicht. "Im Gegenteil", sagt Haupt, "er staut sich auf und wird im Laufe der Zeit immer stärker - bis er sich plötzlich mit voller Wucht und kaum mehr kontrollierbar Bahn bricht."

Das erkläre, warum Menschen plötzlich alles Erreichte aufs Spiel setzen, nur für einen Kick, den sie sich ausgerechnet in der von ihnen zuvor angeprangerten Welt holen.

Gerade in den USA mit seinen häufig vorherrschenden prüden Moralvorstellungen taucht das Phänomen immer wieder auf. Eliot Spitzer ist nur das jüngste Beispiel.

Allein im vergangenen Jahr mussten zwei Politiker ihre Karriere beenden: Der als Gegner der Schwulenbewegung bekannte Senator Larry Craig aus Idaho wurde überführt, wie er auf einer Herrentoilette einen schwulen Flirt wagen wollte. Er trat daraufhin zurück.

Ähnlich ging es dem Prediger Ted Arthur Haggard, Anführer von Millionen amerikanischen Christen. Haggard hatte über Jahre gegen die "Sünde der Homosexualität" gepredigt und regelmäßig seinen Masseur und Callboy für Liebesdienste bezahlt.

Schockiert waren auch die Anhänger des Kongressabgeordneten Mark Foley. Der hatte sich einen Namen als Gegner von sexueller Ausbeutung Minderjähriger und Kämpfer gegen Internet-Pornografie gemacht und wurde schließlich beim Internet-Sex mit minderjährigen Kongressboten erwischt.

2007 musste Paul Wolfowitz nach nur kurzer Zeit an der Spitze der Weltbank seine Karriere aufgeben, weil er dort seiner Partnerin einen ungewöhnlich lukrativen Posten zugeschanzt hatte.

Dabei profilierte er sich immer als oberster weltweiter Korruptionsbekämpfer und sah sich als Vorbild für tadelloses Verhalten in der Geschäftswelt.

Doch nicht nur in den USA, auch in Deutschland gibt es immer wieder prominente Saubermänner, die tief fallen.

Der Fernsehmorderator Michel Friedman, der mit seinen Gesprächspartnern moralisch besonders hart ins Gericht ging und mit Zwangsprostituierten Sexparties feierte, ist womöglich ein Beispiel dafür.