23.11.2007 - Freiheit kann man essen

23.11.2007, WELT
Kolumne
Freiheit kann man essen
Was müssen wir tun, um zukunftsfähig und nachhaltig zu leben?

Egal, wo wir diese Frage stellen, die Antworten sind meistens sehr ähnlich: Kohlendioxid reduzieren, Energie sparen, Müll recyceln und viele andere Schritte werden aufgeführt, die alle mit Sparen, Reduzieren, Beschränken und Begrenzen zu tun haben.

Ein Wert wird so gut wie nie genannt: Freiheit.

Freiheit wird von den meisten Menschen zwar geschätzt, aber nicht in Zusammenhang mit Umwelt und Armut gebracht.

Früher hörte man häufig den Spruch: Freiheit kann man nicht essen.

Das sollte heißen, sie sei ein Luxus für die Wohlhabenden in Europa und Nordamerika. Der Rest der Welt habe andere Sorgen.

Das widerlegte Amartya Sen, der 1998 dafür den Ökonomie-Nobelpreis erhielt.

Ihm verdanken wir die Erkenntnis, dass man Freiheit durchaus "essen" kann.

Denn er machte publik, dass es in Ländern mit demokratischer Verfassung und freier Presse noch nie zu Hungersnöten gekommen ist.

Wo Freiheit herrscht, werden Regierungen von der Bevölkerung gezwungen, im Falle von Dürren oder Missernten frühzeitig zu reagieren.

Heute wundert man sich, dass vor Sen niemand darauf gekommen ist, diesen Zusammenhang einmal zu beleuchten.

Bei einem Blick in ein Fachmagazin für Geologie stießen wir auf einen Artikel des Umweltwissenschaftlers Gregory E. van der Vink, der einen weiteren Zusammenhang gefunden hat, der auf den ersten Blick ziemlich verwegen erscheint.

Der Grad der Freiheit in einem Land hat erheblichen Einfluss auf die Opferzahlen von Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen, Vulkanausbrüchen oder Hochwasser.

Die Zahl der Toten nach solch einem Desaster hängt stärker mit Demokratie zusammen als mit Indikatoren, die zunächst viel plausibler erscheinen, beispielsweise der Bevölkerungsdichte der betroffenen Gegend oder der Fläche, auf der die Katastrophe stattfand.

Ein zweiter starker Zusammenhang besteht zum Bruttoinlandsprodukt: je höher, desto weniger Tote.

Da freie Länder fast immer auch reicher sind, liegt das nahe.

Wir alle kennen das Phänomen, wenn über Hurrikane in der Karibik berichtet wird.

Ein Sturm, der in Haiti Hunderte Leben fordert, tötet in Florida kein Dutzend Menschen.

Weil die Bürger Floridas in der Regel feste Häuser haben und einen besser organisierten Katastrophenschutz - Folgen von Wohlstand und Freiheit.

Doch niemand hatte sich bisher die Mühe gemacht, diesen Unterschieden weltweit nachzuforschen.

Die Zahlen van der Vinks sind nicht nur interessant, sie enthalten auch eine frohe Botschaft:

Die Welle der Demokratie und des Wirtschaftswachstums, die im vergangenen Vierteljahrhundert den Globus erfasste, rettete viele Menschenleben.

Obwohl Naturkatastrophen zugenommen haben und mehr Menschen in Risikoregionen leben, ging die Zahl der Toten zurück - prozentual wie in absoluten Zahlen.

Das Klima ist an allem Schuld, lautet das Mantra der Gegenwart.

Doch die Statistik sagt: Regierungen tragen eine erhebliche Schuld an den Folgen von Naturkatastrophen.

Wer alles Übel dem Klimawandel zuschreibt, exkulpiert die Unterdrücker.

Freiheit ist kein Luxus, sondern existenziell.

Sie bewirkt mehr Gutes als alles Sparen, Reduzieren, Beschränken und Begrenzen.

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