14.01.2008, Abendblatt
Tierschutzverein Turbulente Mitgliederversammlung im Saal 4 des CCH
17.45 Uhr: Der Vorstand tritt zurück
Die Mehrheit der 600 Anwesenden übte heftige Kritik - schließlich gaben die Vereinsbosse auf.
Von Ulrich Gaßdorf
Die Mitglieder des HTV-Vorstands hatten einen schweren Stand, es gab heftige Kritik vieler der 600 erschienenen Mitglieder.
Zwei Stunden und 15 Minuten hatte die Versammlung schon gedauert, als Karin Klinkradt um 17.45 Uhr ans Mikrofon trat: "Wir haben bemerkt, dass wir nicht das überwältigende Vertrauen der Anwesenden haben.
Das aber braucht man in dieser schwierigen Zeit, deshalb treten wir zurück", verkündete die Erste Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) unter tosendem Beifall im Saal 4 den rund 600 anwesenden Mitgliedern.
Der Mann, der den ganzen Skandal um den HTV ausgelöst hatte, war gar nicht erschienen: Wolfgang Poggendorf, der bis zum 21. Dezember Vereinsvorsitzender war, zog es vor, zu Hause zu bleiben.
Dem Rücktritt war eine turbulente, teils chaotische Versammlung vorausgegangen. Die hatte erst gegen 15.30 Uhr begonnen, denn vor dem Saal hatte sich zeitweise eine rund 100 Meter lange Schlange gebildet. Der Eingang zum Saal wurde von vier Mitarbeitern eines Sicherheitsunternehmens bewacht.
Einen solchen Ansturm bei einer Mitgliederversammlung hatte der HTV noch nie erlebt, zum Schluss waren sogar die Stimmzettel ausgegangen. Allerdings sagte Vorstand Urte Hitzer später unter Protestrufen, ein HTV-Mitarbeiter habe ein Paket mit Stimmzetteln übersehen.
Als Hitzer das verkündete, war gerade unter Applaus eine Schar von Journalisten in den Saal eingezogen. Schon nach wenigen Minuten hatten die Mitglieder per Abstimmung erreicht, dass die zuvor ausgeschlossene Presse an der Versamlung teilnehmen durfte.
Bei der ging es hoch emotional zu: Aufgebrachte HTV-Mitglieder warfen in ihren Redebeiträgen den Vorstandsmitgliedern immer wieder vor, nichts gegen die "dubiosen Machenschaften und Immobiliengeschäfte" des Wolfgang Poggendorf getan zu haben - die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 71-Jährigen in mehreren Fällen wegen des Verdachts der Untreue.
Die sichtlich aufgebrachte Urte Hitzer, die als Poggendorf-Vertraute gilt, entgegnete die Vorwürfe mit den Worten:
"Wir haben keine Mauscheleien gemacht." Immer wieder beschwerte sich Hitzer über die "niveaulosen persönlichen Anschuldigungen" der Mitglieder.
Als Uni-Professorin Helga Milz kritisierte, dass unter der Führung von Poggendorf die Immobilien "unter Wert verkauft" wurden, sagte HTV-Rechtsanwalt Hartmut Reclam:
"Ich dachte, Sie arbeiten an der Uni und sind nicht Maklerin." Jurist Reclam war es auch, der in weiten Teilen die Versammlung leitete, obwohl das die Aufgabe von Karin Klinkradt gewesen wäre.
Als Klinkradt die Versammlung unterbrechen wollte, um mit dem Vorstand zu beraten, gab es lautstarke Proteste - die Mitglieder wollten über die "Abwahl des Vorstands" abstimmen.
Schließlich kam der Vorstand mit dem Rücktritt seiner Abwahl zuvor. Während Rechtsanwalt Friedrich Engelke und Helga Milz vor dem Saal eine Art Freudentanz aufführten, wirkte Filmproduzent und HTV-Mitglied Reginald Puhl konsterniert:
"Der jetzt abgetretene Vorstand hat sich heute gegenüber den Mitgliedern arrogant und absolut inkompetent präsentiert."
Unterdessen ist der HTV, der etwa 7000 Mitglieder hat, führungslos.
"Das Amtsgericht muss jetzt umgehend einen Notvorstand bestellen, der die Geschäfte des Vereins vorübergehend leitet. Wir werden vorschlagen, dass der erfahrene Tierschützer Heinz Kourim als Notvorstand eingesetzt wird", sagte Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes.
Rechtsanwalt Reclam schließt nicht aus, "dem Amtsgericht Vorschläge für die Besetzung des Notvorstands zu machen. Das können auch Personen aus dem nun zurückgetretenen Vorstand sein." Das klang fast wie eine Drohung.
copyright © 2004 www.leinenlos.org Freitag, 05.Dezember 2008