21.02.2008, Abendblatt
Funktionäre kassierten Schmiergelder für Zahnarzt-Zulassung
Hamburg - Ausgerechnet während des hochkarätig besetzten Kongresses zu Betrug im Gesundheitswesen ist ein neuer Fall von Korruption im Medizinbereich ruchbar geworden.
Während die Experten des Forums "Tatort Gesundheitswesen" in der Hamburger Zentrale der Techniker Krankenkasse über Milliarden-Mauscheleien diskutierten, durchsuchten 30 Ermittler der Staatsanwaltschaft Hannover Wohnungen und Geschäftsräume in Niedersachsen sowie in Hessen und Bayern.
Und der federführende Hannoveraner Oberstaatsanwalt, Hans-Jürgen Mahnkopf, hielt ein Referat zu "Methoden der Betrugsbekämpfung in der Praxis".
Zwei Funktionäre der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen sollen für die unrechtmäßige Zulassung von Zahnärzten Schmiergeld kassiert haben.
Dafür hätten sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft bis zu 80 000 Euro pro Zulassung verlangt. Die Zahnärzte sollen Zulassungen bekommen haben, obwohl es gar keinen Bedarf an neuen Praxen gab.
Vor einigen Jahren war die AOK Niedersachsen Zahnärzten auf die Schliche gekommen, die billiges Material aus dem Ausland teuer abrechneten. Der Schaden lag im dreistelligen Millionenbereich.
Derzeit kann man davon ausgehen, dass durch Betrügereien im deutschen Gesundheitswesen zwischen 4,5 und 14,5 Milliarden Euro aus dem Topf aller Versicherten jedes Jahr in die falschen Kanäle fließen.
Über die Tausende Betrugsfälle von Krankenhäusern, Ärzten, Apothekern, Patienten und ganzen Banden referierte der oberste TK-Fahnder Frank Keller.
Zum Beispiel über Kliniken, die teure urologische Operationen abrechnen, aber gar nicht die entsprechende Abteilung haben. Sie lassen die Patienten ambulant operieren und bringen sie zum Aufwachen und Übernachten wieder ins Krankenhaus.
Oder die über 90 Tage für insgesamt 45 000 Euro abgerechnete Sondennahrung, die die Kasse zahlen sollte. Der Patient war nach drei Tagen gestorben.
Oberstaatsanwalt Mahnkopf schimpfte besonders laut: "Die Strafgerichte haben vom Sozialrecht keine Ahnung. Das ist kein Vorwurf. Aber die Verfahren werden oft eingestellt."
Keller sind gerade bundesweit Optiker aufgefallen, die Mehrstärkengläser abrechneten, obwohl einfache Gläser geliefert wurden. Der Schaden geht in die Millionen - zweistellig.
Einer der schwerwiegenden Fälle, über den auch das Hamburger Abendblatt ausführlich berichtet hatte, waren jüngst die Fälschungen von extrem teuren Krebsmitteln.
ryb
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