01.12.1997 - Spanien: Entblößung des Enthüllers

01.12.2007, SPIEGEL ONLINE
SPANIEN
Entblößung des Enthüllers

Ein Sexvideo kompromittiert einen konservativen Chefredakteur - Rache der Sozialisten für politische Enthüllungen?

Es sind Bilder wie aus der Steinzeit der Pornographie, grobkörnig, verschwommen, verwackelt. Gefilmt wurde aus der Sicht des Spanners, durch ein Loch hinter einem Vorhang, vielleicht aus einem Wandschrank heraus.

Die Protagonisten des Schmuddelwerks - weißer Mann, schwarze Frau - wirken partout nicht wie Sexathleten, die den Hochglanzseiten von "Penthouse" entstiegen sein könnten.

Der Mann liegt die meiste Zeit auf dem Bauch, sein Gesicht ist nur im Profil erkennbar, und das Körpermerkmal, das sich dem Beschauer am nachhaltigsten einprägt, ist neben dem nackten Hintern der tonsurartige kahle Fleck auf seiner Haarkrone.

Die Frau trägt ein durchsichtiges weißes Nachthemd, dessen sie sich bald entledigt - worauf sie in dem dunklen Raum beinahe unsichtbar wird -, sowie einen bei Bedarf verrutschenden weißen Slip. Von den beiden hat zweifellos die Frau den aktiven Part übernommen - in dienender Funktion. Ihr Rüstzeug wird in der hispanischen Welt "consolador" (Tröster) genannt.

Spaniens politische Elite, die "el vídeo" fachkundig studierte, nahm staunend zur Kenntnis, daß der prominente männliche Darsteller des Streifens einem weiblichen Rollenmodell nacheifert: Er trägt eine rote Korsage sowie anscheinend Damenstrümpfe und sonst nichts.

"Putita!" nennt die Frau ihn wiederholt: Hürchen. Auf diese Anrede scheint der Mann hohen Wert zu legen. Er verhält sich auch entsprechend. Daß die Aufnahme, ständig neu kopiert, ein Renner in den Büros der Politiker und in den Redaktionen der Medien wurde, liegt nicht an der Qualität, sondern an dem Mann mit der roten Korsage: Pedro J. Ramírez, konservativer Publizist, Chefredakteur der überregional verbreiteten Tageszeitung "El Mundo" und vertraute Erscheinung aus dem Fernsehen.

Zudem galt der noch kaum 50jährige Ramírez - jedenfalls bevor das Video in Madrid die Runde machte - als der einflußreichste Freund und Berater des spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar.

Ohne Ramírez und sein enthüllungsfreudiges Blatt wären in Spanien möglicherweise immer noch Felipe González und die Sozialisten am Ruder.

Mit einer Verbissenheit, die den übrigen spanischen Zeitungen fremd war, hatte "El Mundo" einige der Skandale aufgegriffen, die sich fast unvermeidbar in den langen 13 Jahren der Sozialistenherrschaft angesammelt hatten:

Korruption und Machtmißbrauch, angeblich auch verbrecherische Entgleisungen, etwa bei der Bekämpfung baskischer Eta-Terroristen.

Kommt die Entblößung des großen Enthüllers somit nicht wie gerufen - oder wie bestellt?

Das linksliberale Konkurrenzblatt "El País", das in der Regierungszeit der Sozialisten zur wichtigsten Zeitung Spaniens aufstieg, mokiert sich nun in einem Leitartikel schadenfroh über die "sehr persönlichen sexuellen Vorlieben des Chefredakteurs" von "El Mundo", um anschließend nicht ohne Scheinheiligkeit die "unannehmbare Verletzung der Privatsphäre" zu beklagen, welche das Abfilmen und Verbreiten solcher Intimszenen darstelle.

Nur, wer hätte ahnen können, daß ausgerechnet Ramírez über Neigungen verfügte, die ihn zum Objekt filmischer Bloßstellung geradezu prädestinierten? Eine ahnte es nicht nur, sondern wußte es: die Frau mit dem bemerkenswerten Vornamen Exuperancia, Zweitfreundin des Chefredakteurs und Erfüllungsgehilfin seiner geheimsten Wünsche.

Diese Exuperancia Rapú Muebake, gebürtig aus Spaniens einstiger Kolonie Äquatorial-Guinea, wird recht unterschiedlich beurteilt.

Der Redaktion von "El Mundo" galt sie noch vor kurzem als Kunstmäzenin, die sich selbstlos für afrikanische Maler und Bildhauer einsetzte. Gewißheit besteht auch darüber, daß Exuperancia mindestens eine Disko, wenn nicht mehrere Nachtlokale besitzt oder verwaltet. Weniger höfliche Quellen schildern sie schlicht als Prostituierte.

Als Zweitfreundin des bekanntesten spanischen Chefredakteurs bezog Frau Rapú angeblich eine monatliche Apanage von umgerechnet 6000 Mark. Gleichwohl fand die unternehmungslustige Person sich dazu bereit, ihren Geliebten zu verraten und in die Videofalle seiner Gegner zu locken.

Politiker und Journalisten, Unternehmer und Juristen haben die Kassette mit der Post erhalten, wobei als fingierte Absender die spanische Regierung, die Zeitung "El Mundo" und sogar das Königshaus herhalten mußten.

Als Ramírez schließlich seine öffentliche Entblößung nicht länger ignorieren konnte, erstattete er Strafanzeige gegen die eigene Geliebte - worauf Exuperancia Rapú prompt in Untersuchungshaft genommen wurde.

Eine politische Sex-Groteske, die mit Spaniens neuem kulturellem Image harmoniert? Seit mehr als einem Jahrzehnt ist das Erscheinungsbild des Landes nach außen ganz entschieden durch die Filme Pedro Almodóvars und anderer Regisseure seiner Generation geprägt worden: wunderbar zappelige, exzentrische, den ausschweifenden Sexus feiernde Komödien, die zumindest einen Aspekt der spanischen Entwicklung widerspiegeln - den "destape", die explosive Entkorkung der Sitten und Bräuche nach all dem frömmelnden Muff der Franco-Diktatur.

Doch hat der Skandal um das originelle Sexualleben einer Säule der Gesellschaft wie Ramírez mehr als nur eine Dimension. Was sich zunächst wie gelebte Satire und erotischer Slapstick ausnimmt, ist auch Teil eines brutal ausgefochtenen Kampfes, bei dem es um politische, publizistische und wirtschaftliche Macht in Spanien geht, um unbeglichene alte Rechnungen und um ungesühnte Bluttaten.

Ein Indiz dafür, um welch hohe Einsätze gespielt wird, ist schon die exorbitante Summe, die angeblich für die Produktion des heimlichen Videobandes ausgegeben wurde. Die Lebedame behauptete nach der Festnahme, für das Mitschneiden ihrer Liebesdienste zunächst einen Vorschuß von 50 Millionen Peseten erhalten zu haben, also rund 600 000 Mark. Das ihr und ihren Mitarbeitern zugesagte Gesamthonorar betrage 3,6 Millionen Mark - bei Schattenspielen von nur sieben Minuten ist das wohl der teuerste Pornostreifen aller Zeiten.

Noch aufschlußreicher als die Geldsumme sind die Namen der Auftraggeber und Helfer, die Exuperancia Rapú preisgegeben hat: durchweg Personen, die in der Regierung des Sozialisten González eine Rolle gespielt haben.

Eine Schlüsselfigur ist Angel Patón; er hatte die Wohnung gemietet, in der die Videofalle für Ramírez gelegt wurde. Patón war zu González' Zeiten im Regierungspalais Moncloa zuständig für die Verbindung zu den Geheimdiensten. Und der Mann, von dem Exuperancia ihren saftigen Vorschuß erhalten haben will, ist der einstige sozialistische Zivilgouverneur von Guipúzcoa, José Ramón Goñi Tirapu.

Goñi Tirapu hat der dunklen Liebesdienerin (nach deren Aussage) bei der Übergabe des Vorschusses nicht nur versichert, daß sie sich mit dem Verrat ihres Bettpartners um das Vaterland verdient mache - er nannte ihr auch die Geldquelle: Die Peseten-Millionen kämen von dem einsti- gen Staatssekretär im Innenministerium, Rafael Vera.

Dieser Name stellt eine Verbindung her zwischen der Videofalle und dem düstersten Kapitel der Regierungszeit von Felipe González, das Chefredakteur Ramírez besonders hartnäckig zu enthüllen suchte: Es geht um die Gal, die Antiterroristischen Befreiungsgruppen - eine Todesschwadron, die in den achtziger Jahren 28 Menschen umgebracht hat.

Der Versuchung, den blutigen Terror der baskischen Eta-Separatisten mit terroristischen Gegenmitteln zu bekämpfen, konnten hohe Beamte der sozialistischen Regierung anscheinend nicht widerstehen:

Sie deckten angeblich Morde an Eta-Mitgliedern, die von den Gal im französischen Baskenland verübt wurden. Der damalige Innenstaatssekretär Vera, so behauptet die von Ramírez geleitete Zeitung, sei einer der Hauptverantwortlichen gewesen.

Seitdem er von seiner exuberanten Freundin hereingelegt worden ist, meint Chefredakteur Ramírez, sei er "metaphorisch gesprochen der 29. Leichnam" der Todesschwadron. Das hindert den Mann, der auch jetzt noch als der Medienstratege der konservativen Volkspartei gelten darf, nicht daran, weiter beißende Leitartikel zu schreiben.

Nur mit öffentlichen Auftritten muß Ramírez sich zurückhalten. Daß er wieder Seite an Seite mit seinem Freund Aznar gesehen wird, daß er der Königin von Spanien vor den Fernsehkameras den Handkuß verabreichen darf, muß für einige Zeit als unwahrscheinlich gelten. Ein spanischer Kollege, der der Regierung nahesteht, benennt das Problem schonungslos:

"Wenn man seine Lustschreie noch im Ohr hat und sich erinnert, womit sie verursacht wurden, sieht man den Mann einfach mit anderen Augen."

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