26.03.2008, MANAGER-MAGAZIN
FORSCHUNG
"Die Unis sind das Problem"
Von Michael O. R. Kröher
Warum ist die Bundesrepublik für internationale Topwissenschaftler so unattraktiv? Ernst-Ludwig Winnacker, der Chef des EU-Forschungsrats, spricht im Interview mit manager magazin über deutsche Sorgen und europäische Hoffnungen.
mm: Herr Winnacker, der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC), dessen Generalsekretär Sie sind, wird in den kommenden Jahren insgesamt 7,5 Milliarden Euro ausgeben zur Förderung von Spitzenforschung. Nun startet das erste Programm: Stipendien für junge Wissenschaftler. Wie ist der Andrang?
Winnacker: Enorm. Fast 9200 junge Forscher, sehr viel mehr als erwartet, haben Anträge eingereicht. In einem mehrstufigen Auswahlverfahren konnten sich schließlich knapp 300 Bewerber durchsetzen.
mm: Quantitativ ist das Programm offenbar ein Erfolg. Sind Sie qualitativ genauso zufrieden?
Winnacker: Ja. Viele der Anträge zeigen erstaunliche wissenschaftliche Substanz und Tragweite. Wir haben jetzt Anlass zur Hoffnung, dass unsere Programme langfristig die gesamte Forschungslandschaft in Europa verändern, die akademische Leistungsfähigkeit im globalen Wettbewerb verbessern.
mm: Wie hat Deutschland abgeschnitten?
Winnacker: Mittelmäßig. Durchsetzen konnten sich 37 Anträge aus der Bundesrepublik. Allerdings wollten mehr Bewerber aus Deutschland im Ausland forschen, als sich umgekehrt Ausländer an deutschen Forschungsstätten beworben haben. Insgesamt ist diese negative Bilanz kein Anlass zu ernster Sorge, aber auch keiner zum Jubeln.
mm: Wieso hat das größte Industrieland Europas, die traditionsreiche Forschernation Deutschland, beim Wettbewerb um die Starting Grants des ERC kein besseres Ergebnis erzielt?
Winnacker: Die Hochschulen sind das Problem. Die Max-Planck-Institute sind großteils exzellent, die der Helmholtz-Gemeinschaft holen auf, wie der Nobelpreis für den Helmholtz-Forscher Peter Grünberg unlängst bewiesen hat. Die Fraunhofer-Gesellschaft, die angewandte Forschung betreibt, ist ohnehin einmalig. Aber die Hochschulen tun sich noch immer sehr schwer, zur internationalen Forscherelite aufzuschließen.
mm: Wird das nicht besser durch die Exzellenzinitiative, die unter anderem Eliteunis gekürt hat?
Winnacker: Die Auswirkungen hier werden sich erst langfristig zeigen. Noch gehört keine einzige der neun deutschen Eliteunis wirklich zur Weltspitze. Die wird auch in den nächsten Jahren besetzt bleiben von den "üblichen Verdächtigen": dem MIT, Stanford, der ETH Zürich, den Pariser Universitäten, dem Imperial College in London und so weiter. In dieser Liga können die deutschen Unis noch lange nicht mitspielen.
copyright © 2004 www.leinenlos.org Donnerstag, 04.Dezember 2008