27.03.2008, SPIEGEL ONLINE
US-VORWAHLEN
Hillarys Kamikaze-Mission
Von Marc Pitzke, New York
Beschimpfung, Verleumdung, Beleidigung: Der Vorwahlkampf der US-Demokraten artet zur Schlammschlacht aus. Vor allem Hillary Clinton scheut kaum ein Mittel mehr, Barack Obama zu demontieren. Schon werden angewiderte Wähler fahnenflüchtig.
New York - Zum Lunch gibt's eine Extraportion Obama-Bashing. Und zwar fast jeden Mittag, wenn Hillary Clintons Wahlkampfteam zur Konferenzschaltung mit Reportern lädt, um "den Stand des Rennens" zu erörtern - ein Euphemismus für den täglichen Versuch, den Gegner zu attackieren und zu diskreditieren und dabei von den eigenen Schwächen abzulenken.
Hillary Clinton: Tag für Tag Trommelfeuer
Etwa am Montag: "Obamas Wahlkampf wird von Beschimpfungen und Verleumdungen angetrieben", donnerte Clinton-Sprecher Phil Singer. Und ließ hernach prompt seine eigene Schimpfkanonade auf Barack Obama los.
Oder am Dienstag: Da machte sich Singer über Obamas Bestseller "Hoffnung wagen" lustig, der im Original "The Audacity of Hope" heißt. "Senator Obama hat aus dem Mut zur Hoffnung den Mut zum Nichts gemacht", höhnte er.
Und das, nachdem sich Clinton selbst gerade dabei hatte erwischen lassen, eine dramatische Szene ihrer Wahlbiografie streckenweise erfunden zu haben.
Tag für Tag Trommelfeuer
Selbst diese peinliche Enthüllung nutzte das Clinton-Team sofort als Waffe gegen Obama. Clinton hatte mehrfach behauptet, 1996 bei einem Bosnien-Trip unter Scharfschützen-Beschuss geraten zu sein - eine Anekdote, die ihre sicherheitspolitische Kompetenz illustrieren sollte, sich aber als unwahr entpuppte. Ein "Versprecher", wie Clinton später abwiegelte.
Was taten Clintons PR-Schützen daraufhin? Sie mailten eine lange Liste mit "Obamas Bilanz der Übertreibungen und Falschaussagen" an die Presse: "Obama hat mehr als einmal in den jüngsten Monaten Falsches gesagt oder verschönt."
Und so geht es weiter. Tag für Tag, wie Trommelfeuer. Als sich Bill Richardson, der Gouverneur von New Mexico, am Karfreitag auf Obamas Seite schlug, konnte sich Clinton-Intimus James Carville eine österliche Spitze nicht verkneifen: "Richardsons Unterstützung kam genau zur Wiederkehr des Tages, da Judas für 30 Silbermünzen Verrat übte."
Beschimpfungen, Halbwahrheiten, "Judas": Merkmale eines zunehmend verzweifelnden Wahlkampfteams. Clinton ist außerstande, rechnerisch noch eine Mehrheit an Parteitagsdelegierten zu erhalten - es sei denn, ihr gelingen bei den anstehenden Vorwahlen noch wahre Erdrutschsiege. Kein Skandal bleibt richtig an Obama hängen, kein noch so prüfender Blick findet Verwerfliches.
Selbst die Rassismus-Affäre um seinen Ex-Pastor Jeremiah Wright hat ihm kaum geschadet: Eine Umfrage im heutigen "Wall Street Journal" zeigt Obamas Popularität so gut wie unbeeinträchtigt.
Stattdessen haben sich Clintons Negativwerte verschlechtert: 48 Prozent der Wähler haben eine schlechte Meinung von ihr, sechs Prozent mehr als vor der Affäre - und so viele wie 2001 nicht mehr.
"Nihilistische Teile-und-herrsche-Strategie"
Und so schrecken Clinton und ihre Vasallen vor fast keinem (erlaubten) Mittel mehr zurück, um den Rivalen zu demontieren - und sich die Kandidatenkrone vielleicht doch noch zu sichern.
Auch Obamas Leute sticheln natürlich und fallen bisweilen aus der Rolle, wie beispielsweise Ex-Beraterin Samantha Powers, die Clinton ein "Monster" nannte. Doch im Vergleich zum Clinton-Arsenal sind das harmlose Platzpatronen.
Clinton, resümierte Maureen Dowd in der "New York Times", betreibe eine "nihilistische Teile-und-herrsche-Strategie", die Obama vernichten solle - selbst in einem späteren Duell gegen den Republikaner John McCain. Sie sei auf einer politischen Kamikaze-Mission: Clinton oder keiner - jedenfalls kein anderer Demokrat.
Gatte Bill Clinton gibt dazu seinen Segen: "Wenn ein Politiker nicht verprügelt werden will", sagte er gestern bei einem Auftritt in West Virginia, "dann soll er nicht kandidieren."
Kein Wunder, dass die Fronten innerhalb der Partei längst verhärtet sind - wovon letztlich die Republikaner profitieren werden. 28 Prozent der Clinton-Anhänger drohten jetzt in einer Umfrage, im November für McCain zu stimmen, sollte Obama der demokratische Kandidat werden. 19 Prozent der Obama-Truppen kündigten das Gleiche an, falls Clinton die Nominierung gewinnt. Vorbei die kurze Eintracht der Demokraten.
Die feine Kunst der Diskreditierung
"Wenn der Kampf um die Nominierung bis zum Parteitag Ende August in Denver andauert", orakelte "Gallup"-Chefredakteur Frank Newport, "könnte die demokratische Partei Schaden nehmen."
Dieser Selbstzerfleischung müssen die Konservativen nur schmunzelnd zugucken - und sich dabei fleißig Notizen machen.
Clinton stört's nicht. Ihre einzige Chance aufs Weiße Haus: Dass Obamas Heiligenschein verblasst. Dass sich die Superdelegierten - die Parteifunktionäre und Kongressmitglieder, deren Stimmen nach der letzten Vorwahl im Juni den Ausschlag geben werden - gegen ihn wenden. Und damit zurück zur Alternative: Clinton.
"Hillary Clinton wird nicht gewinnen, es sei denn, Barack Obama verliert", schreibt das linksliberale Wochenblatt "Nation" - und zitiert dabei ausgerechnet Rush Limbaugh, den erzkonservativen Radiotalker: "Wir müssen Obama politisch blutig schlagen."
Dass dieses Motto auch im Clinton-Team gilt, bleibt keinem mehr verborgen. "Es ist sicher möglich, dass sie sich die Nominierung noch ergattert", sagte ein Partei-Insider zu Jake Tapper, dem Chefkorrespondenten von ABC News. "Aber das bedürfte der 'Tonya-Harding-Option'."
Zur Erinnerung: Die Eiskunstläuferin Tonya Harding war bei den US-Meisterschaften 1994 in einen Anschlag auf ihre Rivalin Nancy Kerrigan verwickelt, die mit einem Knüppelschlag auf das Knie außer Gefecht gesetzt wurde. Harding gewann die Meisterschaft, wurde später aber zu einer Geldstrafe verurteilt.
Das berüchtigte L-Wort
Clinton knüppelt mit wohlgesetzten Worten. Zum Beispiel, als sie ihr tagelanges Schweigen zur Rassismus-Affäre um Obamas Ex-Pastor Jeremiah Wright dann doch brach - ausgerechnet am Tag ihres Bosnien-Fauxpas.
"Er wäre nicht mein Pastor gewesen", sagte sie über Wright, den wohlkalkulierten Seitenhieb vom Spickzettel ablesend. Als es galt, von der eigenen Affäre abzulenken, scheute sie sich plötzlich nicht mehr vor der "Rassenkarte".
Chefstratege Mark Penn übt sich derweil in der feinen Kunst der Diskreditierung. "Er ist der linksliberalste demokratische Senator", sagte er abfällig über Obama - erstmals das berüchtigte "L-Wort" abschießend, sonst eine Lieblingswaffe der Republikaner gegen Clinton.
Die Medien greifen jeden dieser Soundbites freudig auf und multiplizieren ihn endlos. Schließlich haben sich die programmatischen Differenzen zwischen Clinton und Obama längst erschöpft - doch Sendeminuten und Zeitungsspalten wollen weiter gefüllt werden.
Wie beim Eiskunstlauf kann sich aber auch Clinton selbst den kleinsten Fehltritt nicht mehr leisten. Deshalb ist das jüngste Gezänk um ihren vermeintlich riskanten Bosnien-Besuch für sie auch so gefährlich. Es rüttelt am Kern ihrer Kandidatur: Glaubwürdigkeit und "Erfahrung".
Bill Clinton: "Meine Familie hält nicht viel vom Aufgeben"
Großzügige Übertreibungen sind Clinton ja nie fremd gewesen. Erst gestern pries ihr PR-Team erneut "Hillarys 35-jährige Bilanz der Aktion". Sie selbst tönt seit Beginn des Vorwahlkampfs immer wieder: "Ich biete 35 Jahre Erfahrung."
Rückgerechnet bedeutet das aber, dass ihre "Erfahrung" 1973 begann - als sie, 25 Jahre jung, gerade die Yale Law School abschloss. "Phantom-Erfahrung", spottete ein Blogger auf der alternativen Website newsvine.com.
Schon mahnen die ersten Demokraten zur Mäßigung. Die Debatte, schimpfte Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, dürfe "das amerikanische Volk nicht abschrecken". Tennessees Gouverneur Phil Bredesen warnte die Parteifreunde davor, sich ein Loch zu graben, aus dem sie nach dem Parteitag "höllisch schwer wieder rausklettern" könnten.
Außenstehende Kommentatoren fordern Clinton inzwischen offen auf, im Dienste der Partei das Handtuch zu werfen. "Die Alternative ist", schreibt der Autor Seth Godin. "wie ein Staatsmann zu agieren. Als respektierte Maklerin der Macht."
"Meine Familie hält nicht viel vom Aufgeben", sagte Bill Clinton dazu gestern nur. Jeder fünfte Clinton-Anhänger wollen stattdessen jetzt in einer Umfrage, dass Obama hinwerfe.
Einen ganz neuen Weg zum Sieg weist nun die Kandidatin selbst: Die Delegierten, derzeit mehrheitlich auf Obamas Seite, sollten auf dem Parteitag nach Lust und Laune abstimmen - egal, wie die Vorwahl in ihrem Bundesstaat ausgegangen sei. "Jeder Delegierte", phantasierte Clinton, "kann sich entscheiden, wie er will."
Und so geht es weiter. Tag für Tag, wie Trommelfeuer.
copyright © 2004 www.leinenlos.org Donnerstag, 04.Dezember 2008