12.04.2008, ZEIT
Weltverschwörung aufgedeckt!
Burkhard Straßmann
Gerald Reischl enthüllt in seinem Buch "Die Google-Falle", dass es dem Internetkonzern um die Weltherrschaft geht. Belege fehlen.
Ein Monster namens Google? Für Autor Gerald Reischl steht dies fest
Eine Falle ist ein Gerät, das zuschnappt, dann ist man gefangen und wird ausgeplündert oder aufgefressen. Ist in diesem Sinne der kalifornische Suchmaschinenbetreiber Google ein Fallensteller?
Der österreichische Journalist und Autor Gerald Reischl (Kurier, ORF, Im Visier der Datenjäger) ist davon überzeugt. Sein Buch Die Google-Falle, seit 31. 3. 2008 im Buchhandel, kommt als Enthüllungsbuch daher, das der hippen Internetfirma, die nach eigener Definition zu "den Guten" gehört (Motto: "Don't be evil!"), die lustige Maske vom Gesicht reißt.
Dahinter fletscht eine Fratze die Zähne. Google, ein sektenmäßig organisierter Multimilliardenkonzern, der "Big Brother des Internet", ein "Diktator, eine "gefährliche Datenkrake", der es um die "totale Kontrolle über das Internet" geht.
Endziel: Weltherrschaft. Paranoia, denkt der Rezensent, mal wieder hat ein Durchgeknallter seine Mission entdeckt: Die Weltverschwörung aufdecken! Doch ganz so einfach macht es uns Reischl nicht.
Die Google-Falle ist nämlich ein seltsames, aus offenbar disparaten Motiven geschriebenes Buch.
Zum einen baut sich Reischl als eifernder und unerschrockener David auf, der gern seinen Mut thematisiert, sich mit dem Monstrum anzulegen.
Wagte er sich doch leibhaftig und undercover ins Zentrum des Grauens, nach Mountain View, zum Hauptsitz von Google. Dort drehte er insgeheim ein aussagefreies Filmchen.
Was bekam er in Mountain View zu sehen? Vergnügtes Volk in Campus-Umgebung, freies Essen und Trinken, Fitnesscenter und bunte Büromöbel.
Kostenlose Busse mit WLAN. Massagesessel! Eine üppige Wohlfühlkultur, wie sie sonst - versteht sich! - nur gehirnwaschenden Sekten zueigen ist. "Gefährlich lustig", befindet Reischl.
Nebenher arbeiten ihm bei Google entschieden zu viele Millionäre, und die Oberchefs haben Flugzeuge, die von einem NASA-Flugplatz starten, der für Privatleute eigentlich gesperrt ist. Das sagt alles.
Sagt was? Das sagt uns der Autor nicht. Der unangenehmste Aspekt des Anti-Google-Buches ist, dass grundsätzlich Beweise durch Andeutungen ersetzt werden. Die Flugzeuge - wahrscheinlich stecken steuerrechtliche Gründe dahinter. Offenbar gibt es Schmu mit Behörden wie der NASA.
Googles Streben nach Weltherrschaft - "könnte man meinen, es sei Googles Vision". Konkurrenzunternehmen - "gut möglich, dass sie verschwinden - weil sie von Google aufgekauft wurden". Und natürlich ist stets "anzunehmen, dass Google noch mehr Daten speichert".
Was Reischl für Beweise hält, sieht so aus: "Es kann mit Patenten, die bereits 2002 eingereicht worden sind, bewiesen werden, dass Google diese Daten schon seit Jahren auswertet."
Ein logikfernes Konstrukt, ebenso wie der Beweis der Zusammenarbeit Googles mit der Polizei. 2007 fand man bei einer Mörderin in New Jersey heraus, dass sie vor der Tat im Internet nach perfekten Giften und Mordmethoden gegoogelt hatte.
Das hatte die Polizei bei der Untersuchung ihres Computers entdeckt. Reischl: "Das hätte die Polizei aber auch bei Google direkt erfahren können."
So weit, so schauerlich. Leider schadet Reischl mit seinen unsauberen Methoden sich selber. Denn neben allem Alarmgeschrei versucht das Buch zwischendurch auch und in ehrenwerter Absicht, über Google aufzuklären.
Großartig und wichtig ist es, das Wissen zu mehren über eine Firma, die im Internet schon heute alle erdenklichen und sogar unerdenklichen Bedürfnisse scheinbar gratis befriedigt.
Die Speicherplatz ohne Ende bietet, E-Mail und Software, lustige Tools und Navigation, Zugriffsanalyse und Kalenderdienste, einen Bezahldienst und Internettelefonie, eine Firma, die sich auf unsere Gesundheitsdaten stürzen will und vielleicht irgendwann das Googlen unserer genetischen Grundausstattung anbietet.
Was die wahren Kosten für uns Google-User sind, wo wir mit Aufmerksamkeit, wo mit unseren privaten Daten bezahlen, und was das bedeutet - darüber werden wir gern informiert.
Solcherlei Information gibt es also auch in der Google-Falle, vielfach sogar überraschend sachlich und kundig präsentiert. Der Mann hat sich nämlich wirklich schlau gemacht.
Gelegentlich, bei der Beschreibung technischer Detailfragen, scheint Reischl sogar des Staunens und der Sympathie für die Leistungen von Google fähig.
Doch gleich fällt ihm seine Mission wieder ein und er erbebt: "Google ist zu einem 'Big Brother' mutiert, der bald in die hintersten Winkel unserer Privatsphäre blicken kann."
Schade. Denn wenn die Google-Falle einfach ein sauber recherchiertes Buch des Wissens über Google, seine Techniken und Möglichkeiten, Patente und Geschäftsbeziehungen, Verwicklungen und Verstrickungen geworden wäre und wir uns erst einmal wohl unterrichtet gefühlt hätten, hätten wir uns am Ende auch gern ein spekulatives Kapitel zum Thema "Was wäre wenn?" genehmigt.
Was wäre, wenn Google einstmals alle über uns gesammelten Daten zusammenführte? Diese Daten interessierten Firmen oder Regierungen zur Verfügung stellte. Und wir plötzlich ziemlich nackt da stünden mit unseren Seitensprüngen, nicht druckreifen Gedanken und heimlichen Tricksereien.
Dieses Szenario hätte uns ein bisschen besorgt gemacht. Und uns womöglich veranlasst, eins dieser Programme zu besorgen, die anonymes Surfen ermöglichen.
Die Lektüre der Google-Falle wirkt leider anders. Zu viel Schaum vorm Mund, zu viel Alarm - so schlimm kann es in Wirklichkeit doch gar nicht sein. Da bleibt man lieber Optimist. "Die Welt ist eine Kugel, sie soll keine Google werden", mahnt Reischl auf seiner Homepage. Hauptsache bunt, lacht der Leser.
Gerald Reischl: Die Google-Falle. Die unkontrollierte Weltmacht im Internet. Wien, Ueberreuter 2008, 208 Seiten, 18,95 Euro
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